Dankbarkeit: der Schlüssel zum Glück.

Aktualisiert: Mai 20

Vor kurzer Zeit ist der Vater einer lieben und mir sehr wichtigen Freundin gestorben, die ich aus Kindertagen kenne. Er war völlig gesund, genoss seine Zeit als junger Rentner und es gab wohl niemanden, der sich vorstellen konnte, dass dieses Leben auf so dramatische Weise so schnell enden würde. Ich war geschockt, als mir meine Freundin eine Nachricht schrieb, um mich zu informieren. Sofort dachte ich zurück an den Moment, an dem ich ihn zuletzt gesehen hatte. Ich kannte ihn kaum und dennoch war der Gedanke fürchterlich, dass ich ihn von nun an nie mehr sehen würde. Gehörte er doch – wenn auch als Statist – in meine einigermaßen heile Welt. Ich hatte sofort das Gefühl, dass der Raum um mich herum kleiner wird. Es ist schwer zu beschreiben, aber plötzlich fehlte die Weite, die Unendlichkeit in meiner Sicht auf das Leben, mein Leben.


Meine ritualisierten Morgen-Hund-Spaziergänge der folgenden Tage kreisten um ein einziges Thema: Endlichkeit und Dankbarkeit. Ich dachte daran, dass ich so froh sein kann, dass ich noch beide Elternteile, ja, sogar noch einen Großvater und eine Großmutter im stolzen Alter von über 90 Jahren habe. Dass ich so froh über meine kleine Familie sein kann, die sich kerngesund um mich schart. Eine solche Nachricht zeigt einem einmal mehr, dass von jetzt auf gleich alles vorbei sein kann.


Kennst du das auch? Dass, sobald du an etwas Schönes denkst, der Gedanke, dass etwas passiert, von deinem Gehirn gleich mitgeliefert wird? Ich kann mich erinnern, dass ich, immer wenn ich von meinen Eltern in der Eifel in meine damalige Heimat Mainz zurückgefahren bin, Horrorszenarien im Kopf hatte, wie ich sie verlieren würde. Ich weiß noch, dass ich fast jedes Mal auf dem Heimweg weinen musste – obwohl ich einfach nur ein schönes Wochenende bei ihnen verbracht hatte. Die Schönheit der Erinnerung wurde von meinem Unterbewusstsein bombardiert. Warum, fragte ich mich immer und immer wieder. Als Mahnung? "Du darfst dich nie zu sicher und glücklich fühlen!" Aus Selbstschutz? "Wenn es dann irgendwann soweit ist, dass sie gehen müssen, bist du wenigstens darauf vorbereitet."


Heute glaube ich, dass uns unser Gehirn immer wieder solche Botschaften sendet, damit wir zurück ins Hier und Jetzt kommen: genau hinschauen, was wir haben. Denn nur, wer weiß, was er hat, kann auch dankbar sein. Und eine innere Haltung in Richtung Dankbarkeit ist die Basis für ein glückliches Leben, das wissen wir alle. Meine Freundin sagte mir, dass sie – trotz des schlimmen Ereignisses – etwas Schönes erleben durfte: Sie, ihre Mutter und ihre Schwester sind in kürzester Zeit auch durch das Planen, Organisieren und gemeinsame Erinnern zusammengewachsen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mir das vorstelle. Sie hatte so viel verloren und konnte sehen, dass sie dabei auch etwas gewonnen hatte. Wie stolz sie auf sich sein kann, das erkannt zu haben und mehr noch: so etwas zu fühlen!


In meinem Alltag und vor allem während meiner Genesung habe ich mich immer mehr darauf konzentriert, vor allem die kleinen, alltäglichen Dinge im Leben schätzen zu lernen. Angefangen hatte ich vor gut zwei Jahren, indem ich mir jeden Abend in meinem Tagebuch notiert hatte, was mir am Tag alles Schönes widerfahren war. Schnell erkannte ich, dass es nicht das große Glück ist, was zählt, sondern dass es die unzähligen kleinen Glücksmomente sind, die mein Leben ausmachen. Ich ging dazu über, gedankliche Fotos zu schießen: Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, um den Moment als Erinnerung festzuhalten. Das Wertschätzen vom kleinen Glück hat sich mit der Zeit verselbstständigt. Heute fällt es mir so leicht, eines meiner Kinder anzuschauen und die unbegreifliche Wichtigkeit des Moments zu erfassen, die tiefe Liebe zu spüren. Es kommt nicht selten vor, dass ich dann aus purem Glück weinen muss. Aber auch die stets wechselnde Schönheit der Natur, die Freude einer bedingungslosen Konversation mit echten Freunden, das Zusammensein mit der Familie oder einfach nur der Gedanke, dass ich mich heil fühle, kann mich erschauern lassen.


Das war viel, viel Arbeit. Ich hatte die Achtsamkeit in mein Leben eingeladen und musste sie immer und immer wieder bewusst bitten, bei mir zu bleiben. Und noch heute gibt es Tage, an denen ich im wahrsten Sinne des Wortes neben mir stehe und sich meine Wahrnehmung wie in Watte gepackt anfühlt. Manchmal kommt es dann auch vor, dass ich gar nicht aus diesem lethargischen Zustand ausbrechen möchte, weil es sich irgendwie gut anfühlt, keinen direkten Kontakt zum Leben zu haben. Dieses Gefühl kannte ich früher nur nach einem Essanfall. Heute überkommt es mich, wenn mich meine Gefühle drohen, völlig zu vereinnahmen. Das Schöne ist, dass ich es inzwischen immer wieder schaffe, mich selbst aus dieser kognitiven Gummizelle zu befreien. Ich setzte mich hin, schreibe auf, was alles passiert ist und warum ich mich fühle, wie ich fühle. Sobald alles Schwarz auf Weiß ist, kann ich mich gedanklich zurücklehnen und eine andere, gesunde Perspektive einnehmen. Im besten Fall schaffe ich es schlussendlich sogar, Dankbarkeit auch für die unschönen Momente zu empfinden – weil sie mich weiterbringen, wachsen lassen.


Jetzt packe ich meine zwei Kinder ein, fahre zu meiner Oma und verbringe den Nachmittag mit ihr, dankbar dafür, dass sie noch bei uns ist und sich so über ihre Urenkel freuen kann ...