Diäten führen zu Essstörungen – und bringen nichts.

Aktualisiert: 21. Aug 2019

Dass das so ist, wissen die meisten. Trotzdem kenne ich kaum jemanden, bei dem die letzte Diät nicht erst wenige Wochen her ist, geschweige denn jemanden, der noch nie eine gemacht hat. Heutzutage spricht man auch nicht mehr von Diäten, um die Scham zu umgehen, die mit ihnen einhergeht. Schließlich muss nur der abnehmen, der auch "zu viel" mit sich herumträgt. Ernährungsumstellung ist also das neue Zauberwort. Und dass eine solche in einer spirituell offenen Zeit wie der unsrigen auch schnell zu einer neuen Religion werden kann, auch dass wissen die meisten oder schlimmer noch: leben danach oder haben es schon erlebt.


Auch ich bin in den letzten Jahren auf diese Lüge hereingefallen. Auf der Suche nach einer Ernährungsweise, die mich schlank sein lässt und von meinen Essanfällen befreit, fand ich kurzzeitige Erlösung in Low Fat, Low Carb, Ketogen, Zuckerfrei, Vegan, Vegetarisch, Clean Eating oder Schlank im Schlaf. Leider aber immer nur für wenige Monate ... Die alten, festgefahrenen Verhaltensweisen kamen viel zu schnell zurück, ob ich wollte, oder nicht. Die Frustration war entsprechend gigantisch, die Suche nach der nächsten hilfestellenden Art von Ernährung noch hoffnungsvoller und pedantischer. War ich dann wieder fündig, nahm ich die neue Lifestyle-Essweise so an, als wäre sie ein Teil von mir. Kleinste Ausflüchte waren tabu. Wurde ich gefragt, warum ich denn so strikt bin, belog ich mich selbst und antwortete, dass mein Morbus Crohn es eben so verlangte. Bei Nahestehenden blieb ich ehrlicher und berichtete, dass meine Essstörung durch die neue Ernährungsweise so gut wie weg sei. Alles absoluter Humbug. Mein essgestörtes Ich wollte schlichtweg nur eines: dünner sein.


Warum aber ist es so wichtig, schlank zu sein? Warum ignorieren die meisten Menschen ihr körperliches Wohlfühlgewicht und stürzen sich in Diäten und strikte Sportprogramme? Kennst du auch nur einen einzigen in deiner Umgebung, der sich rundum wohl in seinem Körper fühlt und nichts, aber auch gar nichts für ein paar Kilo weniger auf der Waage tut? Ich selbst war tatsächlich so frei, zufrieden mit mir und meinem Körper ... bis ich mit Anfang 20 ans andere Ende der Welt zog. Urplötzlich lag der Fokus darauf, perfekt zu werden: schlank, sportlich, erfolgreich. Um nach einem Jahr aus dem Flieger zu steigen und alle zum Staunen zu bringen. Dass dieser falsche Ansatz das Resultat von unbändigem Heimweh war, erkannte ich erst vierzehn Jahre später. Damals ging ich davon aus, dass mir ein schönerer Körper zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen würde, dort, so weit weg von zu Hause, wo selbst der Nachthimmel so fremd war.


Diesem Irrglauben erliegen wohl die meisten. Dass ein schlanker Körper etwas mit uns macht. Dass wir innerlich wachsen, sobald die Kleidergröße geschrumpft ist. Ich kenne niemanden, dem es mit der heiß ersehnten und hart erkämpften Abnahme mental besser gegangen ist. Ich kenne aber viele, die durch ihre Ernährungsumstellung(en) und Diäten immer müder wurden. Sei es, weil sie, angekommen beim Wunschgewicht, nicht genug hatten und immer dünner und dünner und dünner werden wollten. Sei es, weil sie "nicht genug Durchhaltevermögen" hatten, nach einer Zeit wieder normal aßen und entsprechend zunahmen. Sei es, weil es für sie eine unfassbare Anstrengung bedeutete, ihr Wunschgewischt zu halten, einfach nur deshalb, weil es unter ihrem Wohlfühlgewicht lag. Sei es, weil sie plötzlich unter Essanfällen litten, die über sie kamen und ihren Alltag in einen Spießrutenlauf verwandelten.


Genau so ging es mir. Ich nahm in Neuseeland radikal ab und entwickelte eine Essstörung (siehe Blogbeitrag vom 17. März und 8. Mai 2019) mit Essanfällen, die ich durch ein rigides Sportprogramm und Mangelernährung auszugleichen versuchte. Erst Anfang 2018 – nach vierzehn Jahren – wurde mir bewusst, dass die Essstörung, die meinen Kopf so in Schach gehalten hatte, nicht das Resultat einer eigentlich gar nicht existenten verkorksten Kindheit, meiner Hochsensibilität oder übermächtigen mentalen Problemen war. Nein, meine Essstörung war das Ergebnis einer Mangelernährung und einigen Kilo Unterwohlfühlgewicht. So einfach ist das. Das Minnesota Starving Experiment, auf das ich durch Zufall im Netz gestoßen war, brachte mir die heilbringende Erkenntnis. (Googele danach, du wirst sofort fündig.) Ich lernte, dass eine Unterernährung die typischen Symptome einer Essstörung hervorbrachte:


  • den permanenten Fokus auf Essen, Gewicht und Körper

  • eine völlig falsche Körperwahrnehmung

  • regelmäßige, nicht kontrollierbare Essattacken

  • Depressionen, Apathie, Gereiztheit

  • Unterkühlung

  • Ängstlichkeit und Nervosität

  • sexuelle Lustlosigkeit

  • Müdigkeit

  • Haarausfall

  • usw.


Ich lernte, dass nicht ich das Problem war, sondern die Tatsache, dass ich meinem Körper über eineinhalb Dekaden zu wenig von dem gegeben hatte, was er so dringend gebraucht hatte: Energie durch Nahrung. Ganz plötzlich wurde mir klar, dass die Essanfälle nichts waren, was ich dringend "loswerden" musste. Sie waren das unnachgiebige Aufbäumen meines Körpers, der sich nicht durch meine Psyche unterkriegen lassen wollte. Er hat sich selbst gerettet, indem er mich ausgetrickst hat. Er war stärker als mein Kopf und mein fester Glaube daran, dass die Essattacken das Dilemma meines Lebens sind.


Heute kann ich sagen: Danke, du wunderbarer Körper! Danke, du Genie, du kluges Wunderwerk. Du hast nicht aufgehört, an mich zu glauben, hast mich durch die Essanfälle am Leben gehalten. Heute gebe ich dir zurück, was ich dir jahrelang nicht geben konnte – so viel Essen, wie du brauchst ... egal was, wann, wo und wie viel. Dein Dank? Ein vollkommen gesunder Stoffwechsel, reine Haut, nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Fettreserven, starke Muskeln, wunderbare Blutwerte. Aber nicht nur das! Ich bin ausgeglichen, finde mehr und mehr zurück zu mir und der, die ich vor der Essstörung war. Ich habe genug Energie, einen Alltag mit Baby, Kleinkind, Hund und Selbstständigkeit zu wuppen – und dabei zu lächeln. Ich habe unfassbar liebe Menschen um mich herum, auf die ich mich konzentrieren kann. Kurz: Ich lebe mein Leben genau so, wie ich es leben möchte. Was bitte sollte ich mehr wollen?