Aus der Not eine Tugend machen: Hochsensibilität.

Aktualisiert: Mai 20

Inzwischen bin ich seit zwei Jahren kerngesund. Ich habe die Essstörung, ohne nur ein einziges Symptom behalten zu haben, ins Universum geschickt und bin inzwischen bei meinem absoluten Wohlfühlgewicht angekommen. (Eine kurze Anmerkung: Es ist das Gewicht, das ich vorher hatte, essgestört, im No-sugar-no-fat-no-whatever-Wahn ... unfassbar, aber wahr.) Was geblieben ist, ist meine Hochsensibilität.


Dass ich hochsensibel bin, weiß ich erst seit circa 2016. Vorher dachte ich, ich wäre nicht "normal". Ich war immer jemand, der keine Grenzen setzen konnte – aus Angst, eine Disharmonie hervorzurufen, die ich noch weniger ertragen hätte, als dass jemand lustig und munter mit mir macht, was er will. Ich habe sehr, sehr viel geschluckt. Natürlich auch Essen während meinen Heißhungerattacken. Und die kamen oftmals dann, wenn ich einmal wieder einen emotionalen Overload hatte. Das konnte schon passieren, indem mich jemand "falsch" ansah. Dann schwand die Kraft, meine strikten Ernährungsregeln einzuhalten. Meine Energie wurde von außen gezogen.


Natürlich gab es dementsprechend auch einige toxische Menschen in meiner nahen Umgebung, ich hatte ja alle an mich herangelassen. Ich hatte mein Herz geöffnet, eine Einladung mit Glitzerstift geschrieben und an jeden verteilt, der auch nur irgendwie in meine Nähe kam. Ich war autoritätshörig und glaubte jedem, der mir erzählte, wie das Leben so funktioniert. Mir selbst glaubte ich natürlich nicht. Angefangen hatte dieses – im Englischen heißt es so schön – "lack of confidence", der Mangel an Selbstvertrauen, mit meinem Auslandsaufenthalt in Neuseeland in 2004. Zum ersten Mal war ich damals für eine lange Zeit am anderen Ende der Welt und völlig auf mich alleine gestellt. In meinem allerersten Beitrag liest du alle Einzelheiten.


Der Witz aber war: Nach außen hin stellte ich mich als taughe, zielstrebige Lady dar. Nein, das ist falsch, ich stellte mich nicht dar, ich wurde tatsächlich so wahrgenommen und habe es nicht für möglich gehalten. Ich hatte schon immer einen ziemlich eigenen Kleidungsstil, war ganz wunderbar im Smalltalken und schaffte es, Menschen für mich zu gewinnen, indem ich zuhörte, jeden vollumfänglich sah und ihm eine Plattform anbot. Heute weiß ich, dass das ein ganz essentieller Teil meiner Hochsensibilität ist.


Ja, ich habe Antennen. Ich spüre Schwingungen und Energien. Deshalb weiß ich auch, wann ich reden darf und wann ich besser den Mund halten sollte. Meistens zumindest. Deshalb weiß ich, was Menschen hören möchten. Ich sehe sie und spüre, was sie brauchen. Das macht mich aus, nur deshalb bin ich Ina und nur deshalb werde ich von vielen lieben Menschen geschätzt und geliebt. Aber es ist auch sehr, sehr anstrengend. Seit ich weiß, dass ich hochsensibel bin, weiß ich auch, dass ich Pausen brauche: Stunden oder gar Tage, an denen ich nur für die nötigsten Gänge wie Kita oder Einkäufe vor die Türe gehe. Ich brauche einen emotionalen Rückzugsraum, in den nur ich hineindarf. (Das ist natürlich schwer mit zwei kleinen Kindern, die noch rund um die Uhr von mir abhängig sind.) Ich brauche jemanden, dem ich zu 200 % vertraue und dem ich mich immer und mit allen Gemütszuständen zumuten und anvertrauen kann. Das sind in meinem Fall neben meinem Mann auch sehr, sehr gute Freundinnen, die mir ein rundum warmes Bauchgefühl geben. Immer.


Bauchgefühl beziehungsweise Intuition ist auch ein sehr wichtiges Wort für Hochsensible. Ich muss auf meinen Bauch hören. Wie wichtig das ist, weiß ich auch erst, seitdem ich keine Essstörung mehr habe, die mir genau sagt, was ich tun und wie ich mich fühlen soll. (Ich wurde verletzt? Die Essstörung sagte mir, dass ich eh zu dick bin und mich gefälligst umso mehr auf meine strikte Ernährung konzentrieren soll.) Meine Intuition hat immer recht. Es ist auch gar nicht mal immer der Bauch, der mit mir spricht. Manchmal verspüre ich eine Art Sog aus der Erde, der alle Energie aus mir herauszieht, manchmal einen Stich im Herzen oder ein Zusammenziehen der Luftröhre. Meine Intuition schickt wichtige Signale, die mir als Hochsensiblen zeigen, was gerade (mit mir) passiert. Solche Signale kennen übrigens die meisten Menschen, sie überhören und übersehen sie nur viel zu oft.


Meine Hochsensibilität zu leben heißt auch, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Und zwar vollumfänglich. Das ist alles andere als leicht und klappt sicherlich auch noch nicht sehr gut. Denn auch wenn ich immer zielstrebiger meinen Weg gehe, – Menschen meide, die mir nicht gut tun, Dinge tue, die mir gut tun – so bin ich noch lange nicht angekommen. Mein Selbstwert baut immer noch darauf auf, dass irgendjemand stolz auf mich ist. Dass alles, was ich tue, einen Sinn und am Ende sogar Erfolg hat. Dass ich, so wie ich bin, eigentlich doch schon perfekt bin, eben weil ich unperfekt bin, das sagt mir bisher nur mein Kopf in Endlosschleife. Fühlen kann ich es nur manchmal.


Ich bin motiviert. Ich versuche, aus jeder Enttäuschung Kraft zu tanken und sie ins Positive umzukehren, indem ich aus ihr lerne. Genauso versuche ich auch, mit meiner Hochsensibilität umzugehen: Sie als ein Geschenk zu betrachten, das mich ausmacht und mich dazu befähigt, Dinge zu tun, die andere vielleicht nicht tun können. Sie ist eine Gabe, dank der ich die Welt ein kleines bisschen besser machen kann, indem ich zuhöre, unterstütze und da bin, wenn ich gebraucht werde. Ich nehme meine damit verbundene Verantwortung ernst. Zwanzig Prozent aller Menschen seien hochsensibel, heißt es. Ich bin also nicht allein und schon gar nicht "falsch". Dieses Wissen alleine hilft mir schon sehr.