Zweieinhalb Jahre symptomfrei: So fühlt es sich an.

Aktualisiert: Mai 21

Es ist kaum zu fassen, aber ich bin nun seit knapp zweieinhalb Jahren gesund. Das heißt: Ich habe keinerlei Essstörungssymptome mehr und lebe mein Leben wie ein "normaler Mensch". Wobei mir hier die Frage erlaubt sei, was denn eigentlich normal ist? Denn ich glaube, dass die meisten Menschen mit ihrer Ernährung kämpfen, sich selbst kasteien oder mit einem permanent schlechten Gewissen, also nicht im Einklang mit sich, ihrer Ernährung und ihrem Körper leben. Die Medien geben uns nun einmal täglich vor, wie Mensch auszusehen und wie er zu leben hat. Der Perfektionswahn ist schon lange in unser Leben eingekehrt – selbst Zeitschriften wie der Spiegel rühmen sich immer wieder mit Artikeln über Ernährungsweisen, die uns gut tun sollen, mit denen wir uns besser fühlen sollen. Schade eigentlich.


Ich denke also, dass ich eine von wenigen bin, die sich eben nicht mehr verrückt machen. Ich zähle jetzt zu denen, die "essen können, was sie wollen – und doch nicht zunehmen". Dass das schlussendlich nur an einem sehr gut funktionierenden Stoffwechsel liegt, können sich viele nicht vorstellen. Sie behaupten, dass es eben Menschen gibt, die mit einem solch' tapferen Stoffwechsel ausgestattet sind und dass sie selbst nun einmal nicht zu dieser gesegneten Spezies gehören. Meine Meinung dazu? Bullshit. Jeder, aber wirklich jeder kann einen solchen Stoffwechsel haben. Die einzige Bedingung: Es muss gegessen werden! Immer dann, wenn die Gedanken ans Essen kommen. Immer das, worauf man Lust hat. Nur dann kann sich der Körper darauf einstellen, dass keine weitere Hungerphase auf ihn wartet. Nur dann kann er auf Hochtouren arbeiten, weil er weiß, dass immer und immer wieder für Nachschub gesorgt wird. Bleibt der aber aus, geht der Körper in Alarmzustand und spart sich Energie ein, die er im Normalfall loswerden würde. Logisch, die Reserven müssen ja auch ausreichen, bis die Hungerphase vorbei ist. Eigentlich sehr einfach zu verstehen.


Und trotzdem leben in meinem Umfeld nur sehr wenige Menschen nach diesem simplen Prinzip. Die meisten aber machen lieber Sport, obwohl sie keine Lust darauf haben, essen Dinge, die sie eigentlich gar nicht wirklich wollen oder mögen und verzichten zeitweise sogar ganz auf's Essen trotz Hungergefühl. Warum? Nun, in unserer Kultur ist der Körper Kult. So ist es nun einmal. Der Witz an der ganzen Sache: Ein Körper kann auch schön sein, ohne all' diese Bemühungen. Denn leben wir nach unseren Bedürfnissen, sind wir ausgeglichen und fühlen uns einfach rundum wohl mit unserem körpereigenen Wohlfühlgewicht, das der Körper dann mirnichtsdirnichts hält.


Genau so geht es mir heute, nach zweieinhalb Jahren ohne Essstörung. Ich hatte mir immer ausgemalt, wie es sich wohl anfühlt, gesund zu sein. Es fühlt sich tatsächlich

einfach nur völlig normal an. Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, wie es war, Essdruck zu verspüren oder das Bedürfnis zu haben, hungern zu müssen. Heute ist Essen die wunderbarste Nebensache der Welt für mich. Sorgen und Ängste habe ich natürlich trotzdem, aber sie beeinflussen mein Essverhalten in keiner Weise. Ganz von alleine bin ich in der Zeit meiner Genesung dazu übergegangen, meine Gefühle zu erkennen und auszuleben. Ich tue bestmöglich nur Dinge, die mir gut tun. Bin ich traurig, rede ich darüber. Bin ich überlastet, mache ich Pausen. Fühle ich mich missverstanden, kläre ich die Situation und erkläre meine Sicht auf die Dinge. Fühle ich mich ausgeschlossen, schließe ich mich selbst wieder mit ein und werde proaktiv im Zusammensein mit anderen. Das alles klappt natürlich mal mehr und mal weniger gut – je nach Stresslevel von außen. Auch normal.


Das Schöne ist: Ich muss mir all' das nicht vornehmen, ich tue es einfach. Meine Verhaltensänderung kam ganz von alleine, mit jedem Tag, an dem ich einfach nur freudig gegessen habe. Wie oft ich damals, essgestört, in mein Tagebuch geschrieben hatte: "Ab morgen nehme ich mir vor, ..." Nein, es hat nicht funktioniert. Sich etwas vorzunehmen, klappt für ein paar Tage – und dann steckt man wieder in alten Gewohnheiten fest. So ist das nun einmal. Sich zusammenzureißen funktioniert nicht. Alles steht und fällt damit, dass ich mich heute, hier und jetzt gut fühlen möchte. Also muss ich nichts weiter tun, als es mir gut gehen zu lassen. Völlig klar, dass da ein unkompliziertes Essverhalten an erster Stelle steht, denn wenn der Körper funktioniert, habe ich auch die Energie, für mich da zu sein. Nicht vorher.


Das nachfolgende Video hatte ich ein Jahr nach dem Beginn der Recovery aufgenommen, vor eineinhalb Jahren. Schon damals hatte ich das Gefühl, mich rundum wiedergefunden zu haben. Und dennoch bin ich seitdem noch viele wichtige Schritte gegangen, einfach nur, weil ich weitergegangen bin, ganz ohne Druck oder Ich-will-aber-Gedanken. Jeder Tag birgt neue Lernmöglichkeiten. Ich denke, das wird mein Leben lang so weitergehen. Das Ziel: Zen. Ob ich dann totally Buddha-like auf dem Sterbebett liegen werde? Wir werden sehen. Wenn nicht, dann habe ich aber wenigstens alles dafür getan. Und ist das nicht auch das Normalste der Welt? Dass wir unser Bestes geben? Mehr geht nicht. Wunderbar. Da kann ich ja entspannt weiter loslassen und mich getrost zufrieden geben mit dem, was ich kann und bin – nämlich gut genug.