Vermeintliche Rückschritte in der Recovery gehören dazu!

Kennst du das? Du hast nach langer, langer Zeit endlich das Gefühl gehabt, in die richtige Richtung zu gehen, du bist erste kleine Schritte gegangen, die sich wahrlich gut angefühlt haben – und plötzlich bist du wieder vollends gefangen im alten Muster. Du glaubst, dass du es niemals schaffen wirst, dass alles keinen Sinn hat und dass die Essstörung dich nun einmal im Griff hat. Du bist fest davon überzeugt, dass du die eine bist, die es nicht schaffen kann und wird und dass du bis zu deinem Lebensende mit dieser Sucht kämpfen wirst.


Das passiert meist dann, wenn im Außen etwas passiert, das dich emotional aus der Bahn wirft. Wenn dein klappriges Gerüst, das du dir gebaut hast, um gen Himmel zu klettern, in sich zusammenfällt. Dann, genau dann fällst du wie von alleine und völlig ohnmächtig zurück in alte Rituale, die dir Sicherheit vorgaukeln. Wenn das so ist, kannst du dich – Himmel sei Dank – wieder vollumfänglich auf eines konzentrieren: deine Essstörung. Und alle anderen Probleme, die dir dieser fiese Alltag bietet, werden nichtig, nicht wichtig.


Ich möchte, dass du weißt, dass das ein ganz normaler Mechanismus ist, der dich in diesem Moment "überleben" lässt. Dein Unterbewusstsein klammert sich an dem fest, was ihm jahrelang bekannt war und worauf es sich jahrelang verlassen konnte. Dein Verstand sagt dir, dass das nicht sein darf, dass ein Rückschritt Versagen bedeutet und dass du verdammt noch einmal ab morgen wieder die "richtigen" Schritte in Richtung Genesung gehen musst. Ein Ping-Pong-Spiel, bei dem es keinen Gewinner gibt. Die Scham vor dir selbst (und somit auch vor anderen) steigt ins Unermessliche. Du ziehst dich zurück und gibst deiner Essstörung somit eine noch größere Plattform, sich auszuleben.


Alles, was dir in einer solchen Situation hilft, ist dieses Signal:


STOP!


Höre sofort auf zu denken. Höre sofort auf zu bewerten. Es ist o.k.


Zu einer Genesung gehören vermeintliche Rückschritte dazu. Glaube mir, wenn ich dir sage, dass sie im Grunde genommen keine Rück- sondern Fortschritte sind ... auch wenn das für jemanden wie dich wirklich schwer zu verdauen ist.


Ich habe dir eine ganz einfache Grafik gemalt, die es verdeutlicht. Egal, wie oft du wieder gen Essstörung schlingerst, du gehst weiterhin fortschrittlich gen Genesung. Sieh' selbst:


Schlussendlich gilt jetzt nur eines: Schaue einmal mehr, dass es dir gut geht. Sei fürsorglich und verstehe, dass du immer – auch jetzt – dein Bestes gibst. Dass du die Schritte in dem Tempo gehst, das zu dir passt. Ich schreibe jetzt ganz bewusst nicht: "Lass' dich nicht entmutigen." Denn das wäre eine bewusste Entscheidung, die du nicht treffen kannst. Zumindest jetzt nicht. Was du aber wirklich tun kannst, ist, dich einfach nicht dafür zu verurteilen, dass du gestern "besser" warst. Du kannst dir sagen, dass du immer gut bist, nämlich gut genug. Dass es Situationen im Leben gibt, in denen es dir leichter fällt, gesund werden zu wollen, und Situationen, in denen dir Teile deiner Essstörung den Halt geben, den du in diesem Moment brauchst. Das heißt nicht, dass das morgen auch noch so ist. Im Gegenteil: Je mehr du dir selbst beweist, dass du auf deiner Seite bist, desto mehr Kraft und Energie sammelst du, um wieder etwas zu tun, was dich in deiner Genesung voranbringt.


Mir hat es immer immens geholfen, zu reden. Sobald ich jemandem erzählt hatte, dass ich an mir zweifle, konnte ich hören, dass ich schon so viel geschafft habe und auf einem guten Weg bin. Ich selbst konnte das in einem solchen Moment gar nicht sehen. Aber wenn es mir gesagt wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich konnte neue Kraft sammeln und von jetzt auf gleich liebevoller mit mir umgehen, die gemeinen, zerstörerischen Stimmen für eine Weile zum Schweigen bringen.


Solltest du dich mit diesem Blog-Beitrag angesprochen fühlen, wünsche ich mir, dass du weißt: Du bist ein ganz normaler Mensch in einem ganz normalen Leben voller Höhen und Tiefen. Der einzige Unterschied zu anderen ist der, dass du während den Tiefen einen ganz bestimmten Rettungsring hast, der dich über Wasser hält. Dass du dich an ihm festklammerst, ist völlig verständlich. Halte dich fest, atme tief durch, sammle Kraft, komme zur Ruhe und spüre, dass du schwimmen kannst. Vielleicht sogar alleine schwimmen kannst – und zwar an Land. Solltest du deinen Rettungsring namens Esstörung dabei zu Hilfe nehmen, um mit ihm an Land zu schwimmen, dann tu' das. Bist du angekommen und hast festen Boden unter den Füßen, wird er dir nicht mehr weiterhelfen. Du wirst gehen, aufrecht gehen. Und du wirst dich allem, was auf dich zukommt – ob Sturm oder Sonnenschein, Berge oder Täler – stellen können. Versprochen.


Jede Frau, die eine Essstörung überwunden hat, kann dir Geschichten davon erzählen, wie schwer es war, sich über Wasser zu halten. Sie wird dir aber auch erzählen, dass es sich gelohnt hat, nicht aufzugeben, sich zu vertrauen und die liebevolle Stimme sprechen zu lassen, anstatt weiterhin ausschließlich auf die der Essstörung zu hören.


Alles, was du brauchst, ist Zeit. Nimm' sie dir. Glaube daran, dass alles, wirklich alles, was du bereits gelernt hast, in dir schlummert und ein Teil von dir ist. Weck' ihn auf, diesen Teil, wann immer dir danach ist. Er wird sich freuen ...