Essstörung adé: Wer bin ich, wie darf und kann ich sein?

Aktualisiert: Mai 21

Ich kann behaupten, dass ein Teil von mir Angst hatte, die Essstörung gänzlich aufzugeben – und ich glaube, dass das jeder von sich sagen kann, der unter einer leidet. Die Sucht, zu Hungern und mich dann zu überessen, machte mich über viele, viele Jahre aus. Sie war ich. Sie war immer und überall für mich da, fing mich auf, indem sie mich von den eigentlichen Problemen des Lebens ablenkte. Ich konnte Reaktionen von anderen nicht einordnen? Ich konzentrierte mich am Tag umso mehr auf meine Mahlzeiten und Kalorien. Es gab Änderungswünsche zu meinen Texten? Ich stellte mich vor den Spiegel und suchte nach allem körperlich Unschönen, das es galt, endlich zu eliminieren. "Die Essstörung, mein Freund, mein Feind", ich kann mich gut an dieses Arbeitsblatt erinnern, das ich mit meiner Therapeutin durcharbeitete. Damals wurde mir zum ersten mal bewusst, dass diese Sucht nicht nur schlecht war – ich also nicht völlig verrückt war, weil ich sie nicht mir nichts dir nichts loslassen konnte.


Zudem gab mir das Hungern, das restriktive Essen, das Zurückhalten und die selbstkasteiende Bewegungssucht ein Gefühl der Erhabenheit. Ich war wer, weil ich es schaffte, so diszipliniert zu sein. Weil ich unglaublich ausdauernd an meinen Vorgaben bezüglich Ernährung und Sport festhalten konnte. Es war meine einzige Möglichkeit, mich selbst ernst nehmen zu können. Denn mein Unterbewusstsein bläute mir permanent ein, dass ich "dumm", "anstrengend" und "viel zu sensibel" bin. Umgekehrt war die Scham unermesslich groß, wenn es dann zu einem Essanfall kam. Es war das pure Versagen. Plötzlich war ich in meinen Augen wieder ein Nichts und bewies mir einmal mehr, dass ich auch für nichts zu gebrauchen bin, dass ich einfach nicht "gut" genug bin. Entsprechend groß wurde dann das Verlangen nach dem Erfolg auf ganzer Linie. Mein Perfektionismus ließ keinen noch so minimalen Ausrutscher zu. Kam er dann doch, machte er mich bewegungsunfähig, ohnmächtig. Die Kraftanstrengung, mich wieder aufzuraffen und wieder Machthaber meiner Gedankenwelt zu werden war immens.


Diesem Loch, in das ich immer wieder gefallen bin, habe ich es zu verdanken, dass ich nicht aufhören konnte, einen Weg zu suchen, die Essstörung und das teils auch gute Gefühl, das sie mir gab, loszuwerden zu wollen. Herauszufinden, wer ich wirklich bin, wer ich sein möchte. Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich mich für eine Ina entscheiden muss. Dass ich mir ein Psychogramm zurecht schustere und mich anschließend einfach damit identifiziere:


  • Ich werde Yogi,

  • gehe in der Zeit mit meiner Familie auf,

  • schaue kein Fernsehen mehr, weil das ja triggert,

  • lese viel, natürlich nur Tiefgründiges,

  • schreibe weiterhin täglich fleißig Tagebuch,

  • arbeite meditativ im Garten,

  • schreibe endlich meinen Roman fertig,

  • gehe spazieren, wenn der Essdruck kommt,

  • telefoniere viel und häufig mit meinen Freunden, wenn es mir schlecht geht und

  • bin ständig in der Stadt und nehme kulturelle Angebote wahr ...


Und so weiter. Was aber passierte, als ich endlich losließ und mich dem Essen hingab, um gesund zu werden, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wurde zu der Ina, die ich lange vor der Essstörung war! Und das nicht, weil ich es mir vorgenommen hatte. Es war kein Plan, es war Fügung. Alles, was ich dafür getan hatte: Ich hatte auf meinen Bauch gehört. Ich musste mich nicht verbiegen. Es war alles in mir.


So kam es, dass ich endlich wieder in die Berge zum Skifahren gegangen bin – und das Freeriden im Gelände mit einem alten Freund für mich entdeckte. Es ist unfassbar, wie das Alpenpanorama auf mich wirkt. Es gibt mir inneren Frieden, es erinnert mich an die Familienurlaube mit meinen Eltern. Jedes Jahr fuhren wir für zwei Wochen nach Tirol und ich konnte meinem Vater nah sein, wenn wir gemeinsam die schwarzen Abfahrten hinuntersausten. Hier bin ich stolz auf mich! Hier spüre ich das Glück meiner Kindheit. Hier kann ich zeigen, wer ich bin. Hier werde ich gefordert und tue Dinge, die nicht jeder kann oder sich zu tun wagt.


Außerdem tanze ich wieder Ballett. Über zehn Jahre lang war der klassische Tanz als Kind mein größtes Glück. Aufgehört hatte ich nur, weil ich meinen Körper mit neuer Hüfte und neuem Busen als zu wuchtig und ungraziös empfand. Es hatte mir damals das Herz gebrochen. Heute tanze ich bei meiner Ballettlehrerin von damals, inzwischen 82 Jahre alt, in einer Seniorentruppe! Es macht mir unglaublich viel Spaß, die alten Übungen zu wiederholen, die Musik auf mich wirken zu lassen, den Geruch des Ballettsaals aufzusaugen. Ich schließe die Augen und bin die Ina von damals. Nur dass ich heute niemandem etwas beweisen muss. Ich darf inmitten all' der Damen einfach sein und mich fallen lassen – ganz ohne Druck und Ziel.


Die neueste alte Ina zeigt sich bald als "Mädel" in der Showtanzgruppe. Als Teenie hatte ich – so wie sich das in einem Eifeldorf gehört – in der Garde getanzt, natürlich auch mit Showtanz. Die Kappensitzungen und die Fastnachtstage von Weiberdonnerstag bis Aschermittwoch waren ein Event, auf das ich mich das ganze Jahr freute. (Diesen Stellenwert im Jahreskreislauf hatte nur noch Rock am Ring.) Ich war am Dauertanzen, -feiern und -lachen. Mit dem Studium und dem Umzug nach Mainz hatte sich das Fastnachten (welch' Hohn) bei mir gegeben. Erst jetzt, nach fünfzehn Jahren Landeshauptstadt und seit zwei Jahren zurück in der alten Heimat, habe ich wieder große Lust, die jecke Zeit zu begießen. Das liegt daran, dass ich hier viele liebe Menschen getroffen und ins Herz geschlossen habe, die mich animiert haben, mitzumachen.


Das sind die großen Veränderungen. Die kleinen haben sich in mein Leben geschlichen, ganz ohne dass ich es wirklich gemerkt habe. So ziehe ich mich am Abend, sobald die Kinder schlafen, unglaublich gerne ins Bett zurück und schaue auf meinem kleinen Smartphone Filme und Serien auf Streaming-Plattformen. Von wegen kein Fernsehen! Außerdem lese ich tatsächlich gerne weiterhin Literatur, die mich ermutigt, Frau zu sein. De Beauvoir, Groult, Ernaux – ich sauge deren autobiographischen Werke auf und lasse mich inspirieren. Aber nicht, weil ich glaube, es tun zu müssen, sondern weil es sich gut anfühlt und mich wachsen lässt. Diese Grandes Dames der französischen Gegenwartsliteratur waren auch "einfach nur Frauen wie ich", die sicherlich auch an sich zweifelten. Und dennoch sind sie ihren Weg gegangen, hatten den Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen.


Womit wir doch noch bei einer größeren Neuerung in meinem Leben angekommen sind: Ich schreibe einen Blog. Ich entblöße mich vollkommen. Ich traue mich. Ist das nicht wunderbar? Denn nur der, der sich verletzbar macht, kann mutig sein. Und mutig möchte ich doch so gerne sein. So mutig, dass ich mich traue, immer öfter meine Bedürfnisse zu erkennen und meine Grenzen zu setzen ...


21. März 2018, ca. 2 1/2 Monate nach Start der Recovery.