Wie es sich anfühlt, gesund zu sein.

Aktualisiert: Mai 21

Es ist der größte, schönste und bunteste Traum einer Essgestörten: der, endlich gesund und vom Essen befreit zu sein. Das Problem liegt auf der Hand. Es muss gegessen werden. Eine Abstinenz ist tödlich. Es gab eine Zeit, da war ich eifersüchtig auf trockene Alkoholiker. Sie konnten "einfach" nur die süchtig machende Substanz aus ihrem Leben verbannen, um sich selbst zu retten. (Wie schwer dieses Leben mit dieser Abstinzenz sein musste, konnte ich mir so gar nicht vorstellen. Gesund ist ja bekanntlich gesund, oder? Und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man keinen Alkokhol mehr trinken darf ...) Ich aber, ja, ich musste es einfach schaffen, mein Suchtmittel so zu dosieren, dass ich gesund werde. Ich war also permanent auf der Suche nach der richtigen Menge, den richtigen Nahrungsmitteln, den richtigen Uhrzeiten, an denen Essen in Ordnung war. Kurz: Ich war nonstop im Außen, anstatt endlich auf meinen Körper und meine innere Weisheit zu hören.


Wie ich den Stop-Button gefunden habe, habe ich schon erzählt. Du liest es in meinen ersten Beiträgen. Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich einen langen Leidensweg hinter mir hatte und der Leidensdruck schlussendlich so groß war, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als endlich diese ver****** Essstörung loszulassen, um mein Leben weiterleben zu können. Ich musste springen. Ich musste aus dieser jahrelangen Fernsteuerung ausbrechen und die Ohnmacht in Macht verwandeln. Ich habe also von heute auf morgen angefangen, zu essen. Sehr, sehr viel zu essen. Und zwar genau das, was ich verdammt nochmal über all' die Jahre hatte essen wollen: Schokolade, Kekse, Kuchen – in Unmengen.


Nein, ich bin nicht fett geworden. Das kann mir kaum einer glauben, der diesen Weg noch nicht selbst gegangen ist. Ich hatte mich wochenlang und ohne jegliche Restriktion von Süßem ernährt, bis ich ganz langsam genug davon hatte. Das erste Gemüse konnte ich aber erst viele, viele Monate danach wieder zu mir nehmen. Mein Körper hatte sich schlichtweg dagegen gewehrt. Mit der Aufgabe der Restriktion und dem Erleben, dass mein Körper eben nicht explodiert, dass er zwar zunimmt, ja, dass er aber nach einer Weile eine Bremse reinhaut und mich endlich Sättigung spüren lässt, kam das Vertrauen in ihn. Heimlich, still und leise. Das heißt aber nicht, dass meine Gedanken in dieser Zeit immer heiteitei gewesen waren. Im Gegenteil: Es schwebte eine dunkle Wolke über mir. Denn auch, wenn ich mich durch das Essen und Loslassen irgendwie machtvoll gefühlt hatte, meine Angst vor einer unerträglichen Zunahme war bis zum Schluss so groß, dass ich tagtäglich mit allen Waffen, die mir zur Verfügung standen, dagegen ankämpfen musste.


Diese Angst habe ich heute natürlich nicht mehr. Ich habe erlebt, dass mein Körper leicht, unbeschwert und voller Energie durchs Leben gehen möchte. Hierfür nimmt er sich genau das, was er dafür braucht. Ich muss "nur" auf ihn hören. Das kann ich, das habe ich während meiner Recovery gelernt. Mein Körper dankt es mir mit einem Wohlfühlgewicht, von dem ich zu Beginn der Recovery nicht zu träumen wagte. (Ich selbst kann mir heute nur ein sehr vages Bild von mir machen. Mein Fokus liegt weniger auf den Konturen meines Körpers als auf dem, wie ich mich in ihm fühle. Menschen beschreiben mich als schlank. Und das mit meiner Vorgeschichte und dem Wissen, dass ich immer esse, wenn ich Hunger habe. Man höre und staune.)


Es ist aber auch in meinem gesunden Alltag noch so, dass mich alte Gedanken einholen. Ja, ich weiß, das möchtest du nicht lesen. Es kommt vor, dass ich unsicher werde. Dass die Essstörung als Gedankengang aufblitzt und mich fragt, ob ich wirklich sicher bin, das alles essen zu wollen, weil ich ja mit der Menge und dem Zucker garantiert zunehme. Es passiert, dass ich vor dem Spiegel stehe und mich kritisch beäuge, weil mich eine Stimme dazu antreibt. Der gesunde Unterschied ist aber der: Ich höre nicht mehr auf diese Gedanken, gebe ihnen kein Gewicht. Ich esse trotzdem und setze meinen Fokus vor dem Spiegel schlussendlich immer darauf, wie ich mich fühle. Und da ich mich leicht, unbeschwert und voller Energie fühlen möchte, tue ich das auch. Einfach deshalb, weil ich ganz unterbewusst genau das zu mir nehme, was mich so fühlen lässt. Dazu gehört, dass ich manche "gesunden" Lebensmittel wie Kohl, Äpfel und Salat meide. Lebensmittel, die ich früher en masse gegessen habe. In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich aber gespürt, dass mir diese Nahrungsmittel nicht gut tun. Dafür brauche ich Kohlenhydrate umso mehr. Hätte das mal jemand meinem früheren Low-Carb- oder Ketogen-Ich erzählt ...


Sehr interessant zu beobachten ist, dass sich meine alten Essstörungsgedanken vermehren, wenn ich von außen in ein Essverhalten gedrängt werde, das nicht intuitiv ist und zu mir passt. Ich hatte den Sommer über arge Bauchprobleme. Das ist bei einem Morbus Crohn sicherlich nicht unüblich. Allerdings waren diese Symptome so anders als bei allen anderen Schüben, die ich bisher hatte. Sobald ich meine normalen Mengen aß, hatte ich einen Blähbauch, der dem in meinen 7. Schwangerschaftsmonaten ähnelte. Ich war also sehr verunsichert, fühlte mich furchtbar und aß entsprechend weniger. Außerdem schränkte ich mein Essen sehr ein, was die Auswahl betrifft. Mein Ziel war nur, dass es mir gut geht. Schwupp, kamen die Stimmen aus der Vergangenheit. "Iss' ruhig noch weniger." "Gut, dass dein Bauch rebelliert, dann nimmst du etwas ab und siehst noch besser aus."


Der Unterschied zu früher war aber der: Ich zeigte diesen Stimmen den Stinkefinger und lief zu meinem Gastroenterologen. Eine MRT und eine Darmspiegelung später war klar: Der Crohn ist nur mäßig aktiv und die prognostizierte Engstelle im Dünndarm noch recht durchgängig. (Übrigens: Die Essstörungsstimmen waren an den Tagen vor der Darmspiegelung am lautesten, an den Tagen, an denen ich eine Diät essen musste beziehungsweise gar nichts mehr essen durfte. Der Hunger brachte meine gesunde psychische Balance völlig ins Wanken!!! Check this out!!!) Also alles gut soweit. Und siehe da: Die Beschwerden waren plötzlich weg. Ich konnte wieder relativ normal essen. Der Blähbauch war eine Kombination aus dem Stress, den ich im Alltag gehabt hatte und dem, den ich mir gemacht hatte, weil etwas mit meinem Bauch nicht stimmte. Ein kleiner Teufelskreis also. Ich aß wieder mehr und die Angst, die zwei, drei abgenommenen Kilo wieder zuzunehmen, war da. Was ich dann tat? Ich sprach' mit ihr. Ich dankte ihr, dass sie da ist, weil sie ja nunmal ein Teil von mir ist. Ich fragte sie, was sie genau von mir wolle. Sie sagte mir, dass sie mich beschützten will. Weil ich ja nur geliebt werde, wenn ich dünn bin. Ich umarmte sie, dankte ihr noch einmal und sagte ihr, dass das nicht nötig ist, weil ich immer geliebt werde, ganz egal, wie ich aussehe. Sie lächelte mich an und ging. (Sie sah übrigens aus, wie die Ina in 2009, ausgehungert und farblos.)


Das alles ist jetzt ein paar Wochen her. Ich habe mein Gewicht behalten, obwohl ich wieder normal esse. Warum, das weiß ich nicht. Ich denke, es liegt daran, dass ich mich keinen Tag lang von meinen alten Gedanken habe überreden lassen. Ich habe meinem Körper vertraut und ihm das gegeben, was er von mir verlangt hat.


Was ich beobachte ist, dass ich durch die letzten Monate auf einem neuen Level der Genesung angekommen bin. Mein Körper scheint mir immer mehr zu vertrauen. Ich habe ihm bewiesen, dass er das kann. Ich verspüre also immer mehr Lust darauf, mich nahrhafter zu ernähren. Und ich bestehe darauf zu schreiben, dass diese Tendenz nicht kopfgesteuert ist. Es sind keine Stimmen in mir, die sagen: "Iss' weniger Scheißdreck, du ungesunde, fette Kuh." Es ist ein Gefühl, das mir zeigt, dass mir die Nahrungsmittel gut tun, die weniger unnatürliche Inhaltsstoffe haben. Ich gebe zu, es überrascht mich selbst – nach zweieinhalb Jahren Kekse-Mania. Das heißt nicht, dass ich kein süßes Schleckermäulchen mehr bin. Es ist nur so, dass ich jetzt eher zum selbstgemachten Hefezopf oder Omas gutem Eierkuchen tendiere als zur Packung Doppelkekse.


Du siehst, die Vergangenheit holt einen in Form von Gedanken immer wieder ein. Vor allem, wenn äußere Einflüsse triggern. Alles, was dann zählt, ist: am Ball bleiben. Weitermachen. Du tust das Richtige. Dein Körper weiß ganz genau, was er braucht. Und du weißt es, wenn du in dich hineinspürst. Iss' das, was dir als erstes in den Sinn kommt. Es ist genau das, was du brauchst. Denkst du zu lange darüber nach, kann es sein, dass das die alte Stimme der Essstörung ist, die dich in eine bestimmte (restriktive) Richtung drängen möchte. Lass' ihr keinen Raum. Zeige auch du ihr den imaginären Stinkefinger. Sie hat keine Macht mehr über dich.


Wie es sich also anfühlt, gesund zu sein? Du fühlst, dass du stärker bist als deine Gedanken. Du spürst eine Kraft in dir, die dich aufatmen, leben und essen lässt.


Oktober 2020 während meinem Besuch in Bad Oeynhausen.


Viele wissen es: Hier ist die Klinik am Korso, in der ich 2008 lange acht Wochen verbracht habe. Hier war ich im Oktober, um eine meiner Liebsten wiederzutreffen, die ich dort kennengelernt hatte. Ja, es war ein Trigger, dort zu sein, die dürren Gestalten vor dem Süßwarenregal im Rossmann zu sehen und deren inneren Kampf am eigenen Leib zu spüren. Und ja, wir beide waren stärker als unsere alten, essgestörten Gedanken (Es gab unter anderem selbstgemachten Oma-Kuchen [DANKE, WIEBIE-OMA!!!] und Pizza). Wir waren unendlich dankbar für das, was wir heute sind. Und wir wissen beide, dass das keine Leistung der Klinik am Korso ist. Die Zeit dort hat uns nicht geholfen, sondern in unserer Annahme bestärkt, dass Mensch nur 2.000 Kalorien isst. Heute ist uns bewusst: Nur, weil wir weit mehr als das über einen sehr langen Zeitraum gegessen haben, sind wir heute gesund!