Die Geschichte meiner Essstörung 2 – Bulimie und Orthorexie

Aktualisiert: 3. März 2020

Über eineinhalb Wochen ist es her, dass ich angefangen habe, meine Geschichte zu erzählen. Zehn Tage, die ins Land strichen und in denen ich mich nicht getraut habe, weiterzuschreiben. Heute ein "Zen Balance" von Cupper. Ich will mich nicht zurückerinnern an Teil zwei meiner Essstörung. Der Teil, der so viele Jahre meines Lebens ausgemacht hat.


Ich kann mich genau an den Abend erinnern, an dem ich meinen ersten Essanfall hatte. Es war im November 2004 in Wellington. Ich war im Freyberg-Pool, um mein wöchentliches Schwimmprogramm zu absolvieren. Eigentlich wollte ich zusätzlich noch nach Hause spazieren, um weitere Kalorien abzutrainieren. Ich weiß nicht mehr, wie weit das genau war, vielleicht eine halbe Stunde Fußweg. Weil ich nach den 2.000 Metern Brustschwimmen recht müde und es schon spät am Abend war, nahm ich dann doch den Bus. An einer der Haltestellen schaute ich aus dem beschlagenen Fenster und sah das Café, in dem es den besten Schokoladenkuchen Neuseelands geben sollte, so hatte mir eine Kommilitonin erzählt. Kurz überlegte ich, auszusteigen, um mir ein solches Stück zu gönnen. Immerhin hatte ich so viele Monate meine strikte Diät durchgehalten und schon über zehn Kilo abgenommen. Ich hatte es durchaus verdient. Aber eine innere Stimme brachte mich schnell wieder davon ab. Die Bustüren schlossen wieder, nachdem die heraus eilenden Fahrgäste noch ein "Cheers, Driver" in Richtung Fahrer gerufen hatten. An der nächsten Bushaltestelle fragte ich mich erneut, ob ich nicht doch aussteigen und zurücklaufen wollte. Nein, ich hatte es mit meiner Abnahme schon so weit gebracht, dieses eine Stück Schokoladenkuchen hätte alles zunichte gemacht.


Ich fuhr also nach Hause. Dort angekommen hörte ich meinen Magen laut knurren. Und da begann der Kampf der Stimmen in meinem Kopf. Ich erinnere mich genau. Die eine: wohlwollend, liebevoll, schimpfte mit mir, dass ich mir das Stück Kuchen doch wirklich hätte gönnen können. Die andere: strikt, gemein, erzählte mir, was genau das alles kaputt gemacht hätte. Es war ein lautes Hin und Her ... und als ich es nicht mehr ertragen konnte, schnappte ich mir kurzerhand meine Tasche, verließ die Wohnung und steuerte den Supermarkt an, der sich direkt um die Ecke befand und zu später Stunde geöffnet hatte. Ich schmiss einfach alles in den Korb, was ich mir nun über Monate verboten hatte zu essen, schämte mich beim Bezahlen und aß noch im Fahrstuhl die erste Tafel Schokolade.


Ich weiß, dass ich alles recht schnell heruntergeschlungen hatte. Ich weiß auch noch, dass ich anschließend versucht hatte, mich zu übergeben: mit mehreren Gläsern Salzwasser, mit einem Zahnbürstenstiel. Es hatte nicht geklappt. Heulend brach ich im Badezimmer eingeschlossen zusammen. Heulend und einsam bin ich dann eingeschlafen, um danach drei Tage lang völlig unkontrolliert weiterzuessen, ausschließlich Zucker. Ich schämte mich vor mir selbst, konnte aber nichts an der Situation ändern. Ich aß und aß und aß – und zwar heimlich. Am vierten Tag riss ich mich dann endlich zusammen und nahm mir vor, alle zusätzlichen Kalorien wieder irgendwie abzutrainieren und "auszuhungern". Ich wurde noch strikter. Bis der nächste Essanfall kam und mein Körper und meine Seele die Nahrung einforderten, die ich ihnen im Alltag verwehrte.


Und so wurde ich zur Bulimikerin, ohne es zu verstehen. Ich wusste, ich hatte ein Problem – konnte dem Kind aber keinen Namen geben. Schließlich war es mir nicht möglich, zu erbrechen, die verräterischen Symptome gab es nicht. Ich hungerte, trieb übermäßig viel Sport und fiel immer und immer wieder wie eine ferngesteuerte Maschine über das Essen her, wenn es mir zu viel wurde. Und das war oft. Es dauerte eine Weile, bis ich erste Hilfe im Internet suchen konnte und Informationen sammelte. Zurück in Deutschland wurde mir dann bewusst, dass ich bulimisch bin, "non-purging type". Ich begann, mir eine Therapeutin zu suchen. Der lange Weg zurück zu mir hin hatte begonnen.


Um es kurz zu machen: Ich lief acht Jahre, mal wöchentlich, mal weniger oft, in die Verhaltenstherapie, stülpte meine komplette Kindheit um, richtete mich nach Essplänen und Verhaltensmustern, die mir helfen sollten. Ich teilte weiterhin ein in "gute" und "schlechte" Lebensmittel. Schließlich hatte die Ernährungsberaterin in der Gruppentherapie gesagt, dass man nicht mehr als 200 Kalorien an Süßem pro Tag essen sollte. Heute? Unfassbar! Wie einem ein einziger Satz von jemandem, der denkt, Ahnung zu haben, Jahre seines Lebens kosten kann. Wie sollte es also auch anders gewesen sein: Die Anfälle blieben, mal mehr, mal weniger. Mein Gewicht pendelte plus minus 12 Kilo. Hatte ich viele Anfälle, wog ich mehr, konnte ich mich wochenlang zusammenreißen, wog ich weniger. Der Fokus auf meinen Körper blieb. Je größer die Kleidergröße war, desto unwohler fühlte ich mich, als desto ekelhafter empfand ich mich. Dabei kam ich nie über die deutsche Kleidergröße 40 hinaus. Wie verrückt sich das heute anhört. Selbst acht Wochen stationär in einer Klinik für Essstörungen in Bad Oeynhausen konnten mich nicht davon überzeugen, dass meine Körperwahrnehmung völlig abstrus, die Fokussierung auf das Essen falsch war. Ich hielt mich akribisch, perfektionistisch wie ich bin, an die Vorgaben der Therapeuten und Ärzte – Tageskalorien, Bewegung, Seelenarbeit – und kam rückblickend keinen Schritt voran in der Annahme, auf dem besten Weg zu sein.


Jahre vergingen, die Anfälle blieben. Der Fokus auf meinen Körper blieb. Ein guter Tag war einer, an dem ich mich strikt an irgendwelche Pläne gehalten hatte und der Blick in den Spiegel nicht völlig vernichtend war. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich selbst an diesen Tagen alles andere als frei und glücklich war. Ich war gefangen in einem Korsett, das mir jegliche Luft zum Atmen genommen hatte. Und nichts und niemand konnte mir helfen, mich zu befreien. Von "Low Carb" über "Fettfrei", "Ketogenes Essen" und "Schlank im Schlaf" – ich probierte alles aus, um meine Anfälle in den Griff zu bekommen. Ging davon aus, dass eine bestimmte Ernährungsweise mir dabei helfen würde. Mit Ende zwanzig wurde Morbus Crohn bei mir diagnostiziert. Meine erste Reaktion? Ich freute mich, war ich doch plötzlich dank meiner Krankheit so dünn wie nie zuvor. Mit starken Medikamenten bekamen die Ärzte mich "leider" wieder auf die Beine, knapp eineinhalb Jahre nach der Diagnose begann ich wieder, zuzunehmen. Die Anfälle häuften sich erneut, die Schübe blieben aus. Meine Frustration stieg ins Unermessliche.


Als ich dann zum ersten mal mit Anfang dreißig schwanger wurde, dachte ich, es geschafft zu haben. Ich hatte von einem auf den nächsten Tag keine Anfälle mehr und fühlte mich sogar wohl in meinem immer runder werdenden Körper. Was aber auch daran lag, dass ich insgesamt nur knapp acht Kilo zunahm und das zusätzliche Gewicht eine Woche nach Geburt auch schon wieder verschwunden war. Mein Pensum an täglichen Fußmärschen mit dem Hund war (auch bis zum letzten Tag der Schwangerschaft) hoch, meine Einteilung der Mahlzeiten so strikt wie eh und je. Und je wohler ich mich in meinem wieder dünneren Körper fühlte, desto mehr achtete ich darauf, was und wieviel ich aß.


Die Anfälle kamen auch nach dieser Phase nach gut eineinhalb Jahren zurück. Ich konnte es kaum fassen, dass ich inzwischen schon zehn Jahre mit dieser Krankheit kämpfte und wollte nicht hinnehmen, dass es keine wirkliche Genesung für mich gab. Während einer Internet-Recherche stieß ich auf ein Buch namens "Bulimie und Zucker". Ich las es an einem Abend. Es leuchtete mir ein, dass Zucker wie ein Trigger auf mich wirkte und dass ich ihn schlussendlich einfach nur weglassen musste. Also tat ich es. Selbst das Abschlecken eines Müslilöffels meines Sohnes war tabu. Ich nahm wieder ab und fühlte mich richtig. Zusätzlich setzte ich auf mein striktes Sportprogramm aus Yoga und Joggen mit dem Gedanken, etwas Gutes für mich zu tun. Ich fühlte mich tatsächlich wohl in meinem Körper.


Wieder dachte ich, angekommen zu sein. Bis ... die Anfälle wieder kamen. Ich war verzweifelt. Inzwischen kämpfte ich vierzehn Jahre, erfolglos. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Und dann kam er, der Aha-Moment, als ich – eigentlich zuckerfrei – eines Abends im Januar aus völliger emotionaler Überreizung (damals glaubte ich noch an die Mär vom Emotionalen Essen) heimlich den übrig gebliebenen Schokoladennikolaus meines Sohnes fraß. Ich war ein totaler Versager. Ich war meiner Essstörung ausgeliefert. Und als ich dachte, dass es für immer so bleiben würde, stieß ich durch Zufall im Netz auf die Seiten von Tabitha Farrar und Elisa Oras ... Heute, ein Jahr und vier Monate später, bin ich geheilt. Die Essstörung ist passé. Ich bin gesund. Vollkommen. Ich esse wann ich möchte, genau das, was ich möchte und so viel, wie ich möchte. Ich denke nicht ständig ans Essen und fühle mich wohl in meinem Körper. Wie viel ich wiege, weiß ich nicht. Aber ich sehe ganz normal aus. Und normal ist einfach wunderbar!




Von links nach rechts:

  1. Sommer 2009 – nach der Diagnose Morbus Crohn

  2. Sommer 2010 – mein niedrigstes Gewicht nach einem Jahr ohne Anfälle und mit sehr restriktivem Essverhalten

  3. Sommer 2012 – mein damaliges absolut gefürchtetes "Höchstgewicht", mit Anfällen und sehr restriktivem und streng reguliertem Essverhalten

  4. Herbst 2019 – mein jetziges Wohlfühlgewicht mit einem vollkommen normalen, intuitiv-unperfekten Essverhalten