Die Geschichte meiner Essstörung 1 – Magersucht

Aktualisiert: 28. Mai 2019

Mein erster Eintrag. Der Tee dazu: einer, den ich mir im letzten Frankreichurlaub gekauft habe, Après-Repas von La Tisanière. Ich liebe den süßlichen Geschmack der Minze – zu jeder Tages- und Nachtzeit.


Ich werde mich jetzt zurückerinnern in eine Zeit, die sehr, sehr lange her ist. Es wird mir nicht leichtfallen. Ich spüre jetzt schon körperliche Reaktionen: Mir wird heiß, mein Kopf rast, ich habe das Gefühl, aufstehen und weglaufen zu müssen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich an diesem Punkt gedacht, Schokolade hinunterschlingen zu müssen. Heute ist mir ein solcher Gedanke völlig fremd. Ich hatte zum Frühstück zwei Stück selbstgebackenen Nusskuchen, der mich seelisch und körperlich gesättigt hat. Ich atme also tief durch und erinnere mich daran, dass ich schreiben darf. Dass ich mir selbst die Erlaubnis gegeben habe. Dass das Geschriebene nicht perfekt sein muss. Ich darf Fehler machen. Ich darf Ina sein. Vollumfänglich, jederzeit. Also auch jetzt.


Ich war Anfang zwanzig. Das ist sicherlich nicht das typische Einstiegsalter in eine Essstörung. Entsprechend kam ich damals wohl auch nicht auf die Idee, mit vollem Karacho auf eine zuzusteuern. Ich hatte gerade die Zwischenprüfung der Magister-Studiengänge Theater- und Filmwissenschaft mit jeweils 1,0 abgeschlossen. In der Schule eher durchschnittlich, hatte ich im Studium dann einen unbändigen Ehrgeiz entwickelt. Woher der kam, ich weiß es nicht mehr genau. An was ich mich erinnere ist, dass ich dennoch eine ganz normale heranwachsende "Erwachsene" war: lebensfroh, normalgewichtig, beziehungsfähig.


Nun, dieser noch sehr zielgerichtete Ehrgeiz schenkte mir dann ganz unverhofft die große Wende in meinem Leben. Ich durfte dank der sehr guten Zwischenprüfung als eine von fünf Studenten für ein Jahr nach Neuseeland gehen, um an der Victoria University of Wellington meinen Bachelor of Arts with Honours zu machen. Das Partnerprogramm unseres damaligen Institutsleiters machte es möglich. Nur wenige Monate später saß ich also im Flieger gen anderes Ende der Welt, meinen 30-kg-schweren Koffer mit all' meinem Hab' und Gut im Stauraum, meine Vergangenheit in rasender Geschwindigkeit hinter mir lassend. Und plötzlich fühlte ich mich zum ersten Mal so einsam, dass mir alleine die Erinnerung heute noch die Kehle zuschnürt. Ich musste mir während des ganzen Fluges immer und immer wieder sagen, dass eine unfassbar abenteuerliche Zeit auf mich wartet, dass ich nun lernen würde, endlich auch einmal alleine zu sein, dass ich nun endlich erwachsen werden würde.


Fakt ist, dass ich mich von Tag eins an in diesem wunderschönen fremden Land unwohl gefühlt hatte, ohne es mir einzugestehen. Fakt ist, dass ich dieses Unwohlsein sehr schnell auf meinen immer runder werdenden Körper reduziert hatte, der sich zum ersten Mal in meinem Leben von Wohlfühl- auf Unwohlfühlgewicht verändert hatte. Nach zwei Monaten unbewusster Einsamkeit entschloss ich mich also, abzunehmen. Ich war mir sicher, dass ich mit Idealgewicht besser bei den anderen Mitstudenten ankommen würde, mir das Leben am anderen Ende der Welt einfacher fallen würde. Keinen Moment war mir bewusst, dass ich mich, einsam wie ich war, innerlich zurückgezogen hatte und mir deshalb die Begegnung mit anderen so schwerfiel. Mein langer Leidensweg hatte begonnen.


Von da an konzentrierte ich mich also auf das akribische Kalorien- und Punktezählen. Recht schnell feierte ich erste Erfolge, mit jedem abgenommenen Gramm wurde ich strikter und rigider. Mit dem schön klingenden Motto "Gesunde Ernährung" belog ich mich selbst und machte mir vor, dass der Mensch von Obst und Gemüse alleine ausgeglichen leben kann. Und je erfolgreicher ich mit dieser These erst einmal auch war, desto niedriger wurden meine Gewichtsziele. Warum nur das alte Wohlfühlgewicht erreichen? Jetzt konnte ich endlich so schlank werden, wie ich es mir immer erträumt hatte. Meine gewohnte Hosengröße 38 war ausgetragen. Ich wollte die 34. Und so übernahmen die Zahlen mein Denken: Kleidergrößen, Körpergewicht, Punkte, Walking-Distanzen – nichts anderes zählte mehr. Ich zog mich vollständig zurück, um genug Raum für meine Ziele zu haben. Nichts durfte mich davon ablenken. Ich hatte das Bild im Kopf, nach einem Jahr als perfekte Erwachsene nach Deutschland zurückzukehren. Schlank, sportlich, gesund, erfolgreich.


Das Hungern fiel mir leicht, dachte ich, und merkte nicht, dass der Verzicht und die Mangelernährung schon nach kurzer Zeit erste Anzeichen einer Magersucht hinterließen. Ich zitterte unentwegt und schob es auf die nicht vorhandene Zentralheizung der Neuseeländer. Ich googelte nonstop nach Rezepten und beschäftigte mich mit Essen, das ich nicht essen durfte. Ich hatte unglaubliche Probleme, mich bei meiner Arbeit zu konzentrieren und gab der englischen Sprache und den schwierigen Themen die Schuld, über die ich meine Essays schreiben musste. Ich zog mich völlig zurück und ließ die seelische Einsamkeit auch räumlich passieren. Kurzum: Ich verlor meine unbändige Lebensfreude.


Ich hielt genau sechs Monate durch, schaffte es von Kleidergröße 40, auf die ich in Neuseeland gekommen war, auf Kleidergröße 34. Size UK 8. Dann begannen die Essanfälle.











Februar 2004 und November 2004