Die Essstörung und das innere Kind.

Aktualisiert: Feb 22

Wir alle tragen ein inneres Kind in uns – unser inneres Kind. Dieses Kind sind alle gesammelten Erfahrungen, die wir vor allem in den ersten sieben Lebensjahren gemacht haben. Und es sind die Bewertungen, die wir diesen Erfahrungen als Kind gegeben haben. Diese Bewertungen sind subjektiv und aus der Erwachsenenperspektive nur schwer nachvollziehbar. Das liegt daran, dass Kinder die Welt mit ihren ganz eigenen Augen sehen. So haben auch wir als Kind die Welt mit unseren Augen gesehen. Wenn uns etwas widerfahren ist, das wir als Kind als „lebensbedrohlich“ eingestuft haben (und sei es aus Erwachsenensicht eine noch so nichtige Begebenheit), so kann es sein, dass wir aus ihr einen Glaubenssatz geformt haben. Einen, der uns unser Leben lang begleitet, wenn wir uns nicht auf die Suche nach ihm und einer Heilung begeben.


Ein Beispiel: Du wurdest als 5-Jährige*r von deinem großen Bruder oder deiner großen Schwester geärgert. Eigentlich eine sehr "kleine" Sache. Bei einem dieser Streits kam es dazu, dass dich dein großer Bruder/deine große Schwester bei deinen Eltern angeschwärzt hat. Er oder sie hatte den Streit begonnen und ihn dir in die Schuhe geschoben. Deine Eltern haben deinem Bruder/deiner Schwester geglaubt – nicht dir. Vielleicht waren sie gestresst gewesen, hatten nicht richtig hingehört oder waren abgelenkt gewesen. Das ist aber auch völlig egal, denn: Das konntest du damals nicht sehen. Du warst ein kleines Kind.


Weil dir also keiner geglaubt hat, hast du angefangen, an dir selbst zu zweifeln. Du hast angefangen, dich zu fragen, ob du nicht vielleicht doch irgendwie Schuld an dem Streit gehabt hattest. Du warst verzweifelt und völlig hilflos. In dieser Sekunde könnten folgende Glaubenssätze in dir entstanden sein:


1. "Ich kann machen, was ich will, mir glaubt eh keiner."

2. "Ich brauche gar nicht erst auf Hilfe zu warten, mir hilft sowieso keiner."

3. "Ich bin ganz auf mich alleine gestellt."

4. "Ich kann mir selbst nicht vertrauen."


Und so weiter.


Diese Glaubenssätze tragen wir in uns, sie sitzen tief und fest. Je öfter wir in eine Situation – als älteres Kind, als Teenager oder junger Erwachsener – geraten, die ähnlich ist oder uns unterbewusst an sie erinnert (uns „triggern“), desto manifester werden diese Glaubenssätze, desto stärker wirken sie. Die Crux: Wir haben die Situation aus der Kindheit schon lange vergessen. Wir wissen also nicht, dass diese eine Begebenheit aus unserer frühen Kindheit eine solche Präsenz in unserer Gegenwart hat. Entsprechend können wir auch nichts daran ändern, außer uns wundern, dass wir in bestimmten Situationen überreagieren oder so handeln, dass wir uns selbst im Weg stehen. Was die oben genannten Glaubenssätze betrifft, so kann das folgendermaßen aussehen:


  1. Du machst deine Sorgen ganz alleine mit dir aus, dabei würde dir die Perspektive einer nahestehenden Person sehr gut tun und dir sicherlich weiterhelfen.

  2. Du hast kein Vertrauen in andere Menschen, selbst wenn sie dir sehr nahe stehen und nur das Beste für dich wollen.

  3. Du wirst zum Workaholic auf allen Ebenen und versuchst, alles alleine zu schaffen, bis du physisch und psychisch zusammenbrichst.

  4. Du wirst zum Perfektionisten, weil du glaubst, dass du so das Vertrauen, das du in dich verloren hast, irgendwie wettmachen kannst.


Und so weiter.


Wenn ich weiß, dass es Glaubenssätze in meinem Leben gibt – was kann ich tun?


Die gute Nachricht: Wir alle haben die Macht, diese Glaubenssätze aufzulösen. Wie du dir jetzt vielleicht schon denken kannst, geht es darum, diese Begebenheiten in der Kindheit zu erforschen und herauszufinden, woher ein solcher Glaubenssatz stammen kann. Die Arbeit an dem inneren Kind ist hierfür ausschlaggebend. Solltest du in einer Therapie sein, so kann dir dein*e Therapeut*in dabei helfen. Es gibt aber auch viele Bücher, die dich dabei unterstützen. Google danach, du wirst sofort fündig.


Ich habe es geschafft, mit Meditation in Kontakt zu meinem inneren Kind zu kommen. Dabei habe ich einfach alle Bilder kommen lassen, die kommen wollten. Wie aus dem Nichts ploppte eine Situation vor meinem inneren Auge auf, die ich damals als sehr bedrohlich empfunden hatte. Wenn ich mich daran zurückerinnere, tue ich das noch heute. Es war eigentlich eine Szene aus dem Alltag, nichts Dramatisches. Das weiß ich deshalb, weil sich alle Beteiligten nicht mehr an sie erinnern konnten. Nur ich hatte sie so gedeutet, als ginge es um Leben und Tod. In dieser Situation habe ich als Kind gelernt, dass ich nicht laut schreien und um Hilfe rufen darf, weil sonst alles aus den Fugen gerät. Ich muss damals vielleicht drei, vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Ich weiß es nicht und es ist auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich diesem kleinen Kind in mir, das diese Situation als Überlebenskampf wahrgenommen hatte, heute in den Arm nehmen kann und ihm sagen kann, dass alles gut ist, dass ich für es da bin und dass es sehr wohl um Hilfe rufen darf, wenn es das Bedürfnis dazu hat. Es darf sich wehren, ohne dass es damit etwas „kaputt“ macht.


Das allerdings lerne ich gerade erst. In mir ist fest verankert, dass ich stillhalten muss, wenn mir etwas angetan wird. Wenn ich schlecht behandelt werde, dann wehre ich mich nicht, sondern versuche, auszuhalten. Dass das völlig destruktiv und selbstzerstörerisch ist, weiß ich schon lange. Ich konnte aber nichts an meinem Verhalten ändern. Ich war in entsprechenden Situationen immer wie gelähmt, ich musste innerlich laut schreien und weinen – wie in Brechts "Mutter Courage". Es hat sich jedes Mal angefühlt, als müsste ich sterben. Dabei ging es einfach nur darum, dass mich jemand "einfach nur" sehr unfair behandelt hatte. Die als Kind erlebte Situation habe ich in gewissen Maße immer und immer wieder erlebt, mit wechselnden Protagonisten. Das Schema war immer gleich: Mir wurde etwas angetan und ich hatte keine Möglichkeit, irgendwie aus der Situation auszubrechen, weil dieser Mensch nun einmal fest in meinem Leben installiert worden war. Je öfter ich also durch diese Menschen in meine Vergangenheit zurückversetzt worden war, desto schlimmer wurde es für das Kind in mir, das in mir laut um Hilfe geschrien hat. Mein erwachsenes Ich wurde von ihm überrumpelt. Hätte ich es in den Arm genommen und somit das Ruder übernommen, ich hätte aus der Ohnmacht entfliehen, mir selbst helfen und mich wehren können.


Was hat das alles mit deiner Essstörung und deiner Recovery zu tun?


Ich habe dir dieses lange Intro zugemutet, weil ich möchte, dass du weißt, wie wichtig dieses innere Kind in unserem Leben ist. Es ist immer omnipräsent – ob bewusst oder nicht. Leugnen wir es, bleiben wir in der Vergangenheit stecken. Fangen wir an, es zu sehen, zu lieben und täglich in den Arm zu nehmen, haben wir die Chance, unsere Zukunft zu gestalten. Kurz: Nähren wir es, so können wir heil werden.


Denn natürlich hat unser inneres Kind ganz essentielle Bedürfnisse. Es braucht Nahrung, Fürsorge, Wärme, Schlaf, Bewegung und Ruhe. Als Essgestörte fällt es sehr schwer, all' diese Bedürfnisse zu erfüllen. Sind wir ganz ehrlich: Es fällt sehr schwer, überhaupt eines dieser Bedürfnisse zu erfüllen. Schließlich geht es in einer Essstörung darum, sich mit absoluter Kontrolle über Wasser zu halten. Strikte Esspläne, zu viel Sport, keine Pausen, wenig Schlaf und ein erhöhtes Arbeitspensum gehören zum Alltag eines essgestörten Menschen. So war es auch bei mir.


Mit der Recovery hatte ich ganz von alleine angefangen, die Bedürfnisse meines inneren Kindes wieder zu erfüllen. Ich weiß noch, dass ich mich in den ersten Tagen wie "Kevina allein' zu Haus'" gefühlt hatte. Endlich Massen von Schokolade und Keksen, faul vor dem Fernseher rumfletzen, so lange wie möglich im Bett liegen bleiben, Fünfe gerade sein lassen und so wenig wie möglich bewegen. Ein Träumchen. Wären da nicht diese unfassbaren Ängste gewesen. Die Angst davor, fett zu werden. Die Angst davor, zu versagen. Die Angst davor, nicht das Richtige zu tun. Die Angst davor, dass das Mißtrauen die Oberhand über das Vertrauen gewinnt. Schlussendlich ist alles gut gegangen. Mein Vertrauen hat gewonnen. Wie schön wäre es aber gewesen, ich hätte damals schon den Kontakt zu meinem inneren Kind hergestellt – und zwar täglich. Denn fragen wir es, was es braucht, so dass es ihm gut gehen kann, dann kommt sofort eine Antwort. Und diese Antwort fühlt sich so unglaublich echt und ehrlich an, dass die Frage nach dem Richtig oder Falsch gar nicht erst aufploppt.


Schaffe ich es heute als Genesene regelmäßig in mich zu gehen und mit mir zu sprechen, dann bin ich oft überrascht, welche Wahl mein inneres Kind trifft. "Ach, du möchtest jetzt sofort eine Linsensuppe? Wow, da wäre ich gar nicht drauf gekommen!" Und wie gut diese Linsensuppe dann tut! "Ich soll gefälligst eine andere Hose anziehen, weil diese am Bauch kneift und das Bauch einziehen echt nur was für Erwachsene ist?" Check. Gemacht. Danke! Guter Tipp, little one! Da wäre ich von alleine gar nicht drauf gekommen. Ich hätte den ganzen Tag diese fucking Hose angelassen, meinen Bauch eingezogen, davon Verspannungen im Nacken bekommen und wäre am Abend dann ultra schlecht gelaunt und mit Bauchkrämpfen ins Bett gefallen. Wie einfach es doch sein kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.


Was ich also unbedingt sagen möchte: Völlig egal, wo du jetzt stehst, ob mitten in der Essstörung, zu Beginn deiner Recovery, mittendrin oder schon geheilt – fange an, dich mit deinem inneren Kind zu verbinden. Welche Wege du dafür wählst, bleibt ganz dir überlassen. Es gibt so viele Ansätze und du wirst sofort fündig, wenn du dich erst einmal dafür sensibilisiert hast. Der Weg hin zu dir selbst wird dir völlig neue und vor allem intuitive, einfache Möglichkeiten aufzeigen, ein erfüllteres Leben zu führen.


Und jetzt ... nimm‘ dich doch einfach einmal kurz selbst in den Arm. Drück‘ dich! Und sage dir, dass du dich wirklich, wirklich gern hast. Vielleicht schaffst du ja auch, die Worte „Ich liebe dich“ in den Mund zu nehmen. Du wirst sehen: eine Reaktion kommt sofort. Du wirst sie spüren. Dein inneres Kind wartet nur darauf, dass es dir endlich sagen kann, was sich all‘ die Jahre in ihm aufgestaut hat. I promise.



Ina mit 5 Jahren: Freud und Leid lagen nur einen Bruchteil einer Sekunde voneinander entfernt.