Emotionales Essen oder: die Mär vom Frustessen.

Aktualisiert: Mai 20

Ich möchte hiermit noch einmal deutlich machen, dass es in diesem Blog ausschließlich um meine ganz persönlichen Erfahrungen geht. Die habe ich auch zu genüge gemacht – vor allem in Bezug auf Emotionales Essen. Entgegen unzähliger Ratgeber, Sachbücher und sonstigen diversen Artikeln bin ich heute der Meinung: Es gibt kein Emotionales Essen. Das sogenannte Frustessen, das ein jeder von uns schon in den Mund genommen hat, existiert nicht. Geben wir unserem Körper immer das, was er braucht, kommt er nicht auf die Idee, Emotionen mit Essen zu bekämpfen. Und wir auch nicht.


Als sehr sensibler und hoch emotionaler Mensch mit Essstörung stand lange Zeit für mich fest: Ich esse meine Gefühle weg. Das Essen während eines Anfalls war für mich die einzige Pause vom selbstzerstörerischen Grübeln. Nur während dem Kauen, Schlucken und in den Fernsehen starren konnte ich mich völlig fallen lassen und alles, was mich beschäftigt, für eine kurze Zeit vergessen. Wenn ich am Tag viel erlebt hatte, nur gerannt bin, dabei ganz stoisch meine Grenzen überschritten hatte und abends einen Anfall bekam, war klar, dass ich "emotional überstimuliert, überreizt" und der Anfall entsprechend vorprogrammiert war. Deshalb arbeitete ich auch sehr, sehr lange daran, besser mit meinen Gefühlen umgehen zu können ...


Das Tagebuch-Schreiben war eine Maßnahme, die mir Heilung versprechen sollte. Dabei konzentrierte ich mich ironischerweise die ersten zehn Jahre weniger auf meine Gefühlswelt denn auf mein Essverhalten. Es existieren sogar Tagebücher, in denen ich meine Punkte notierte und erst am Abend auf meine Gefühle zu schreiben kam. Meist mit einem Satz, wie "Heute wieder ganz und gar auf meinen Hunger gehört. Fühle mich gut. 20 Punkte reichen völlig aus. So fühle ich mich wohl in meinem Körper und kann mir alles gönnen, was ich möchte. Ich glaube, so kann ich gesund werden." Bitte was? Für all' diejenigen, die nie Weight Watchers gemacht haben: 20 Punkte entsprechen 1.200 Kalorien beziehungsweise rund 1.000 Kalorien und 30 Gramm Fett! Mehr muss ich dazu nicht schreiben, außer: der nächste Essanfall war quasi on the way.


Selbst in Situationen, in denen ich den Anfall hatte kommen sehen und stark genug gewesen war, mit mir und an mir zu arbeiten, um ihn zu verhindern – sei es mit Autogenem Training, Meditation, Tagebuch schreiben, Musik hören oder sonstigen psychologischen Maßnahmen – kam er am Ende doch mit voller Wucht. Und ich? Fühlte mich einmal mehr wie ein Versager. Ich konnte tun und lassen, was ich will, ich war ein Exot, nichts half in meinem Fall, das Essen hatte wieder einmal gesiegt. Aaaanstrengend!


Teil meiner Therapie war es dann auch, einen Essanfall zu analysieren. Das heißt: Wenn ich es schon nicht geschafft hatte, ihn zu verhindern, dann sollte er mir wenigstens Aufschluss darüber geben, warum genau er gekommen war. Ich setzte mich also eine Zeit lang hin und schrieb genau auf, was ich vor dem Anfall getan, gefühlt, gedacht hatte, was ich nach dem Anfall gefühlt, gedacht hatte. Jedes Mal war ich davon überzeugt: Ja, jetzt weiß ich, woran es liegt. Beim nächsten Mal kann ich etwas dagegen tun! Ich kann vorbeugen, quasi dauerprophylaktisch leben. Aber nein, das konnte ich natürlich nicht. Das Leben überholte, mein Hunger verfolgte mich.


Ich hatte Langeweile? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.

Ich war überfordert? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.


Ich war traurig? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.

Ich war wütend, enttäuscht, genervt, ängstlich, voller Scham? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.


Ich war glücklich? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.

Ich war euphorisch, aufgeregt, entspannt? Ich hatte Essdruck oder: Ich aß.


Fällt dir etwas auf? Ich arbeite seit jeher mit Gefühlen. Ob damals als Theaterpädagogin, die (mit) Emotionen spielte, oder heute als Texterin, die Emotionen mit Worten transportiert. Trotzdem ist mir nicht aufgefallen, dass der Drang, zu essen, bei jedem Gefühl kam. Ergo können bestimmte Gefühle doch nicht Schuld daran sein, dass ich diesen Essdruck verspürte, oder? Natürlich nicht. Hast du schon einmal ein 2- oder 3-jähriges Kind gesehen, dass aus irgend einem Gefühl heraus anfängt, zu essen? Der Druck kam, weil ich Hunger hatte. Er kam, weil ich – für meine ganz persönliche Konstitution – völlig unterernährt war! Aber das habe ich einfach nicht verstanden. Schließlich hatte ich ja einen Tag nach einem Essanfall schon wieder Essdruck, obwohl ich doch eigentlich (über-) satt sein musste. Niemals im Leben wäre ich von alleine darauf gekommen, dass mein Körper über Wochen hin sehr, sehr, sehr viel essen muss, um endlich echte Sättigung zu spüren und den Essdruck langsam herunterzufahren.


Heute gibt es keinen Moment, keine Situation und kein Gefühl, bei dem oder bei der ich den Drang verspüre, zu essen. Heute ist es sogar umgekehrt: Wenn etwas passiert, was mich emotional in die Knie zwingt, schlägt es mir auf den Magen – ich habe keinerlei Appetit und esse schlussendlich nur, weil ich weiß, dass ich essen muss. Dass ich irgendwann einmal keinen Appetit habe, davon hatte ich als Essgestörte geträumt! Und jetzt? Ist es mir völlig wumpe, es ändert ja nichts an der Tatsache, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Esse ich einen Tag oder sogar mal eine Woche weniger, fordert mein Körper das Defizit von alleine wieder ein und ich gebe es ihm später. Auf gesunde Art und Weise. Ich esse nach meinem Hunger. Dabei kann ich fühlen, was ich will. So ist das mit dem tatsächlichen "Emotionalen Essen". Ich hatte es schon in einem Beitrag geschrieben (28. Mai 2019 "Intuitives Essen: alles andere als perfekt"): Wenn ich satt bin, bin ich satt. Dann denke ich auch nicht ans Essen. So einfach ist das.


24. April 2019, ca. 3,5 Monate nach Beginn der Recovery.