"HEAL" – ein Film über die Gedanken, die uns retten können.

Aktualisiert: 14. Juni 2020

Gestern Abend habe ich als alter Netflix-Hase im Bett gelegen und nach einem rundum schönen Feierabend-Film geschaut. Ich stieß ganz zufällig auf die neue Dokumentation "HEAL", produziert, geschrieben und Regie geführt von Kelly Noonan. Ich war hin und weg und habe viel, viel mitgenommen. Was genau, das möchte ich hier und heute mit dir teilen.


Eine Kurzzusammenfassung gebe ich an dieser Stelle keine – schau' dir den Trailer auf YouTube an, so erfährst du am besten und eindringlichsten, wovon dieser wunderbare Film handelt: https://www.youtube.com/watch?v=xd4C8Yszgwc. Vielleicht hast du die Dokumentation aber auch schon in voller Länge gesehen, dann wirst du sicherlich einige Gedanken mit mir teilen können. Nun, ich war beeindruckt, wie simpel, logisch und inspirierend darüber aufgeklärt wird, wo heutzutage überall Stress zu finden ist und was er mit uns macht. Und auch wenn in der Doku vorrangig chronische Krankheiten und Krebs behandelt wird, steht doch fest, dass Suchtprobleme sicherlich auch ihren Ursprung in irgend einer Art von Stressempfinden haben. In meinem Fall war der Beginn meiner Essstörung die plötzliche, unglaubliche Distanz zu meiner Heimat und ein damit einhergehendes, nicht bewusstes Heimweh, das mich – heute weiß ich das – mit voller Wucht aus meiner Mitte katapultiert hatte. Um es nicht spüren zu müssen, fing ich an, zu hungern und mich auf ein perfektes Ich zu konzentrieren, das es galt, zu erreichen. Du liest dazu in den Blogbeiträgen "Die Geschichte meiner Essstörung 1 und 2".


Meine Gedanken kreisten ausschließlich um meine Ernährung und meinen Körper. But not in a good way, würde der Brite sagen. Es ging in meinem Kopf sicherlich nicht um Heilung, obwohl ich nach über einem Jahr und der Erkenntnis, dass ich essgestört bin, nichts anderes wollte, als wieder gesund zu sein. Ich schaffte es so viele Jahre nicht, aus diesem negativen Gedankenkarussell auszusteigen, ich saß zu hoch und es kreiste zu schnell, ich hatte riesige Angst vor dem Absprung. Die Menschen, die im Film begleitet werden und die es anhand ihrer Gedanken geschafft haben, ein Wunder geschehen zu lassen und sich von schweren Krankheiten zu erholen, konzentrierten sich vor allem auf eines: Dankbarkeit und Vertrauen. Zudem visualisierten sie die Gesundheit – sei es eine heile Wirbelsäule oder die als gutartige Lebewesen personifizierte Chemo, die den Tumor einfach auffressen. Ich hingegen war so viele Jahre weder dankbar (ich fragte mich so oft, womit gerade ich all' das verdient hatte), noch konnte ich vertrauen (ich zweifelte so sehr daran, dass ich es jemals schaffen würde, aus dieser Sucht auszubrechen), geschweige denn positive Bilder entstehen lassen (ich konzentrierte mich immer nur auf das, was ich als falsch empfand und was es zu ändern galt).


Erst nach vielen Jahren und unzähligen gelesenen Ratgebern in Kombination mit meinen Therapien lernte ich ganz, ganz langsam, mit meinen Gedanken zu spielen. Die Lektüren von Louise L. Hay und mein beginnendes Interesse für Yoga waren sicherlich wegweisend. Als ich dann im letzten Januar meine Recovery startete und mich gänzlich auf eine Heilung einlassen konnte, tat ich es ganz unbewusst genau so, wie es im Film gezeigt wird: Ich veränderte meine Gedanken von heute auf morgen radikal.


Ich suchte mir positive Affirmationen aus, die mich auf meinem Weg begleiten sollten:


Ich liebe und akzeptiere mich.

Ich vertraue meinem Körper, er weiß, was ich brauche, also gebe ich es ihm.

Ich vertraue meiner Intuition.

Ich vertraue dem Leben, es weiß, was ich brauche und schenkt es mir.

Ich bin dankbar dafür, dass ich mich endlich in meinem Körper wohl fühle.

Ich bin dankbar dafür, dass ich endlich weiß, was mir gut tut.

Ich bin dankbar dafür, dass ich endlich Grenzen setzen kann.


Liebe. Vertrauen. Dankbarkeit.

Präsens! Es ist! Ich bin!

Kein Futur: Ich werde. Ich möchte.


Diese Sätze sagte ich mir immer und immer wieder, während ich aß und aß und aß – morgens, mittags, abends, manchmal auch nachts. Heute trage ich ein Grundvertrauen in mir. Ja, ich vertraue dem Leben. Ja, ich vertraue meinem Körper. Ja, ich vertraue meiner Intuition. Ich bin gesund. Alles hatte einen Sinn.


Nachdem ich den Film gesehen hatte, ist mir noch etwas anderes klar geworden. Ich habe mich selbst von meinem Morbus Crohn geheilt – trotz Essstörung, die mir einimpfte, dass ich die Schübe willkommen heißen soll, weil sie mich doch endlich dürr sein lassen. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie es war, von morgens bis abends festangestellt in einer Agentur arbeitend gefesselt am Schreibtisch zu sitzen. Spätestens am Nachmittag hatte ich so fürchterliche Krämpfe, dass ich immer wieder die Tür meines Büros schließen und mich auf den Boden legen musste, um die Zeit bis zum Abend überstehen zu können. Ich war – einzig durch die Arbeit – völlig fremdbestimmt und lebte ein Leben weitab meiner körperlichen und seelischen Bedürfnisse. Und auch, wenn mein Kopf mir sagte, dass ich mich anstellte und dass jeder Mensch dieser Welt eben "da durch" und arbeiten müsste, kündigte ich irgendwann von heute auf morgen. Ich hatte die Nacht wieder einmal kaum geschlafen und fällte die Entscheidung, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, was ich denn sonst tun sollte, denn als Werbetexterin in einer Agentur zu arbeiten. Morgens um fünf schrieb ich meinem damaligen Chef eine Mail mit der Bitte um ein Gespräch. Ich wusste, ich musste mich selbst austricksen, der Mut zur Kündigung hätte mich im Laufe des Morgens verlassen. So kam er dann, als ich auf der Arbeit war, auf mich zu und ich kündigte – weinend und verzweifelt. Ich weiß noch, dass mir anschließend trotz allem ein unglaublicher Stein vom Herzen gefallen war und dass ich mich plötzlich so frei fühlte. Natürlich auch, weil mein Chef sehr einfühlsam reagiert und mir die Option offen gehalten hatte, als Freie zurückzukehren.


Das war der Tag, an dem ich mein Leben in die Richtung gelenkt hatte, die der Ina entsprach, die ich immer schon gewesen war: freiheitsliebend, aktiv, mit einem zwar selteneren aber dennoch essentiellen Hang zum Rückzug. Ich machte mich als Texterin selbstständig, arbeitete zwar viel und gerne aber immer nur zu der Tageszeit, die ich mir selbst aussuchte. Außerdem nahmen ich und mein Mann, damals noch mein Freund, einen Hund vom Tierschutz auf. Seitdem bin ich jeden Morgen mindestens eine, meist eineinhalb bis zwei Stunden im Wald unterwegs. Weil ich es brauche.


Heute sitze ich also hier und bin stolz auf mich. Und das darf ich auch sein. Der Film hat mir noch einmal gezeigt, was ich schon alles geschafft habe in meinem Leben. Und auch, wenn er mich ein klein wenig getriggert hat ("Eine Ernährungsumstellung hin zu Vollwert und Rohkost ist dringend zu empfehlen" – nein, nicht in jedem Fall, das kann ich mit Überzeugung behaupten), empfehle ich wiederum jedem, diesen Film anzuschauen. Ich habe sehr viel mitgenommen und viel über mich und meine, auch zukünftige Gedankenwelt gelernt.