Minnie Maud – Einschätzung einer (vernünftigen?) gesunden Erwachsenen.

Aktualisiert: 17. Nov 2020

Durchstreift man das Netz nach dem Thema Minnie Maud, fällt schnell auf: Es scheiden sich die Geister. Von Wut-Videos über "What-I-eat-in-a-day while recovering with Minnie Maud"-Beiträgen ist alles dabei. So fällt es schwer, sich zurechtzufinden und zu entscheiden, ob es "richtig" oder "falsch" ist, diesen Weg raus aus der Essstörung zu gehen.


Was also denke ich, eine heute genesene 39-Jährige mit etwas Lebens- und viel Leidenserfahrung?


Ohne die Rahmenbedinungen von Minnie Maud – einer "Methode", die von Gwyneth Olwyn entwickelt wurde und die auf dem Minnesota Starvation Experiment aufbaut – wäre ich noch heute essgestört.


Kurz zum Hintergrund.


Olwyn ist die Gründerin des kanadischen Eating Disorder Instituts, einem Institut, das sich auf die Genesung von erwachsenen Essgestörten spezialisiert hatte. Die Seite edinstitute.org war sehr vertrauenswürdig und half mir enorm weiter. (Leider wird sie heute nicht mehr gepflegt und beihaltet nur noch alte Informationen.) Weitere Recherchen gingen alle ins Englischsprachige, was mich doch sehr irritierte. Wie konnte eine "Methode", die im Netz so verbreitet ist, in Deutschlands Psychologenlandschaft keine Beachtung finden? Ich selbst war mit meiner 10-jährigen Therapiegeschichte inklusive stationärem Aufenthalt in einer Klinik sehr "therapieerfahren" und hatte vorher noch nie etwas davon gehört. Warum war das so? Ich weiß es bis heute nicht.


Zur Vorgehensweise.


Die Vorgabe laut Minnie Maud war die: Ich sollte mindestens 2.500, eher 3.000 Kalorien am Tag essen sowie aufhören, mich zu wiegen und jeglichen Sport zu treiben.


Ich war sehr unsicher. Die Internetauftritte zweier deutscher Mädels, die eine eine recht große Fangemeinde, die andere ein selbst erstelltes Recovery-Programm, triggerten mich sehr, so dass ich mich nicht weiter mit ihnen beschäftigte. So erzählte die eine, dass ich ausschließlich mit veganem, also gutem (wie bitte?) Essen genesen könne, eine Aussage, die ich für sehr gefährlich halte, geht sie doch ganz offensichtlich wieder in Richtung absoluter Restriktion. Die andere gab zu verstehen, dass es sinnvoll ist, sich an Mahlzeitenpläne zu halten. Für viele sicherlich ein berechtigter Weg, für mich, die ich mich immer an alles von außen Vorgegebene festgeklammert hatte und endlich loslassen wollte, der falsche.


Schlussendlich fand ich dann aber zwei Damen, die eine aus Estland, die andere eine Britin, die in den USA lebt, die mit Minnie Maud erfolgreich genesen waren und ihre Erlebnisse und Tipps auf Youtube teilten. Ich entschied mich, mich voll und ganz auf ihre Erfahrungen zu verlassen und meinen Weg mit ihrer "Hilfe" zu beschreiten, also mit dem Anschauen der Videos. Was mir bei beiden gefiel: Es gab keinerlei Vorgaben in puncto Kalrienzählen, Mahlzeitenpläne oder Lebensmittelwahl.


Ich konnte also einfach nur meine Kalorien überschlagen, weil mich das Zählen getriggert hätte – viel zu viele Jahre hatte ich meine Kalorien, Punkte und Mahlzeiten höchst akribisch gelistet und ausgewertet. Außerdem bin ich trotz Sportverbot täglich spazieren gegangen. Ich war erwachsen genug, mir diese Legitimation selbst zu geben – immerhin musste mein Hund vor die Tür, endgültiger Heilungsprozess hin oder her. Die Tatsache, dass ich an den Wochenenden, wenn mein Mann die Hundespaziergänge übernehmen konnte, ganz problemlos zu Hause geblieben bin, zeigten mir, dass das Spazieren gehen für mich in Ordnung und nicht symptomatisch war.


Die größte Herausforderung war für mich, dass ich im Normalgewicht mit meiner Interpretation der Minnie-Maud-Methode gestartet bin. Viele der Mädels im Netz hingegen waren vorher stark untergewichtig und hatten somit ganz offensichtlich Nachholbedarf. Ich hingegen sah zwar sportlich schlank aus, war aber noch im absoluten Normalbereich. Die Angst, mit täglich mehr als 3.000 Kalorien im Bauch ins Unvorstellbare zuzunehmen war entsprechend gigantisch. Dennoch: Ich schaffte es, meinen seelischen und körperlichen Energiespeicher zu füllen. Ich aß tatsächlich täglich und über Wochen weit über 3.000 Kalorien – vor allem Junk Food.


Ja, ich aß nur "Schrott", wie es manche Youtuber nennen würden. Und genau das hatte ich gebraucht. Ich hörte vollumfäglich auf meinen mentalen Hunger, auf die Bilder, die mir mein Gehirn sendete. Und das waren ausschließlich Bilder von all' dem Essen, dass ich mir jahrelang verwehrt hatte oder mir nur während der Essanfälle mit riesigen Schuldgefühlen einverleibt hatte. Kekse, Schokolade, Schokoriegel. Junkfood eben. In dieser Zeit konnte ich weder Gemüse noch Obst riechen. Mir wurde schlecht, wenn ich nur in die Nähe eines Obstkorbes kam. Mein Körper sendete mir sehr, sehr klare Signale und ich nahm sie endlich wahr.


Nach ein paar Wochen war der große Spuk dann schon vorbei. Ich nahm nichts mehr zu und der Extremhunger nach ausschließlich Süßem transformierte sich in einen liebevollen Hunger nach Lebensmitteln, die ich mir selten gegönnt hatte, aber in eine ausgeglichenere Richtung gingen. Ich aß also vor allem Pizza, Pasta, Sahnesoßen oder Pfannkuchen – und zwar völlig ohne Reue oder Scham, weil ich in den Wochen zuvor gelernt hatte, loszulassen und zu vertrauen.


Inzwischen war ich unfassbarerweise und dank wiederkehrender Periode (eine wirklich regelmäßige Periode hatte ich zuletzt im Jahr 2003, also fünfzehn Jahre zuvor) schwanger geworden. Entsprechend verrückt wurden dann auch die Gelüste. Ich liebte zum Beispiel meine Pizza mit Kapern, Sardellen, Oliven und Artischocken oder das Lieblingsessen aus meiner Kindheit Pfannkuchen mit Nutella und Linsensuppe. Ganz, ganz wichtig ist mir, zu erwähnen, dass alle ärztlichen Blutuntersuchungen inklusive der Blutzuckeruntersuchung in dieser Zeit phänomenal gut waren – und das trotz sehr extravagantem Essverhalten mit größtenteils "bööööööööösen" Lebensmitteln. Ich kann mich sehr gut an die Worte meiner Gynakologin erinnern: "Frau Trouet, die Blutzuckeruntersuchung ist wirklich sehr gut ausgefallen. Haben Sie denn gar keinen Zucker gegessen?" Ich musste schmunzeln, sagte aber nichts. Gefühlt bestand ich ja quasi aus Zucker. Ich wusste: Mein Körper hatte alles genau so verstoffwechselt, wie er es gebraucht hatte – nach Jahren der latenten Restriktion.


Mit dem späten Fortschreiten der Schwangerschaft wurde mein Essverhalten wieder gänzlich normal. Und zwar so normal wie von Menschen, die niemals mit Diäten oder einer Essstörung gekämpft hatten. Ich wurde gesund. Wirklich geholfen hatten mir auf meinem Weg die Youtube-Videos von Tabitha Farrar und Elisa Oras, den beiden oben genannten Damen. Sie haben mich quasi immer und immer wieder darin bestätigt, dass ich auf dem einzig richtigen Weg bin.


Mein Ergebnis.


Ich habe es oben schon geschrieben: Ohne dieses Loslassen im Rahmen dieser Herangehensweise von Olwyn hätte ich es nicht geschafft. Ja, es ist das vollumfängliche Loslassen und Vertrauen. Es ist ein "JA!", ein "Ich darf!" auf allen Ebenen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass es allen Menschen mit Essstörungen helfen würde, auch denen, die unter Adipositas leiden. Denn essen diese Menschen wirklich mit einem "Ja!" zu sich selbst und zu dem, was sie essen? Wohl eher nicht. Sie gönnen sich das Essen ebenso wenig wie die Magersüchtigen. Würden sie einfach loslassen und mit gutem Gefühl alles essen, was sie möchten, ich glaube, sie würden den gleichen Weg gehen, den ich gegangen bin. Ich glaube, sie könnten sich so von der Gier nach Essen befreien. Aber die Scham ist zu groß ...


Mein Wunsch für dich.


Ich wünsche mir für dich, dass du dein Vertrauen in dich und deinen Körper wiederfindest. Dass du mit jedem neuen Tag lernst, dass dein Körper alles tut, um dich bestmöglich am Leben zu halten. Sobald du mit einem Lächeln auf den Lippen isst – ob anorektisch, bulimisch oder adipös – hat er die Chance, zu heilen. Deine Organe werden gesund, dein Stoffwechsel angekurbelt. Gänzliches Vertrauen beginnt erst in größter Not. Springst du in dieses schwarze Loch namens Loslassen, dann wirst du es am eigenen Leib erfahren. Es ist das größte Geschenk, das du dir selbst machen kannst.



31. Dezember 2018, circa 11 Monate nach der Entscheidung, vollumfänglich loszulassen und kurz vor der Geburt meines zweiten Kindes – mit viiiiiiielen Weihnachtsplätzchen im Bauch.