Minnie Maud? So oder so ähnlich raus aus der Essstörung!

Aktualisiert: Mai 20

Ich gebe zu: Am Anfang meiner tatsächlichen und vollumfänglichen Genesung ist es mir als Erwachsene und Mutter sehr schwer gefallen, im Netz Hilfe von zarten 18-Jährigen Mädels anzunehmen, die von ihrer "Recovery" berichteten. Kein Wunder – sie waren drei Jahre alt, als ich in meine Essstörung hineingeschlittert bin! Letztendlich aber hat mir ein solches junges Hüpferchen geholfen: indem es mir auf YouTube von der Minnie Maud Methode erzählt hat.


Informationen über diese Methode findest du zu Genüge, wenn du danach googelst. Ob Instagram oder YouTube, es gibt gefühlte Millionen Mädchen weltweit, die mit ihr den Weg raus aus der Magersucht suchen. Mir fiel es sehr schwer, die Fotos dieser extrem dürren Wesen anzuschauen, die ja fast noch Kinder sind. Identifikation konnte entsprechend keine stattfinden, aber das war auch nicht nötig. Die neue Information alleine hatte mir schon geholfen: das Wissen, dass ich (in meinem Alter und bei meiner Bewegung) am Tag mindestens 3.000 Kalorien zu mir nehmen muss, um gesund zu werden.


Ich war erstaunt. 3.000 Kalorien? Völlig egal, wie – selbst wenn es nur Schokolade ist, die ich verschlinge? Dazu von heute auf morgen ein komplettes Sport-Tabu? Das hörte sich für mich nach einem unfassbar unrealistischen Weg raus aus meiner Orthorexie mit Essanfällen und Sportsucht an. Trotzdem wurde ich hellhörig, immerhin hatte ich in vierzehn Jahren wirklich alles versucht, um gesund zu werden, etliche Jahre Therapie inklusive, in der mir immer ein Kalorienziel von 2.000 Kalorien pro Tag nahegelegt worden war. Nun, ich hatte nichts zu verlieren. Alles, was ich stemmen musste, war die panische Angst vor einer extremen Gewichtszunahme mit dem Ziel Adipositas. Aber auch hier halfen mir die Erfahrungen anderer im Netz. Ich stieß auf die Seiten von Tabitha Farrar und Elisa Oras, zweier Frauen in meinem Alter, die mir in ihren englischsprachigen Videos zusicherten, dass mein Körper nur das zunimmt, was er für eine Genesung braucht.


Von heute auf morgen ließ ich mich fallen und sprang in dieses unsagbar tiefe, schwarze Loch namens "Recovery".


13. Januar 2018, Tag 1 der Recovery.


Ich lief los und kaufte im Supermarkt alles, aber wirklich alles, was ich immer schon einmal essen wollte. Vorher hatte ich mir einen Satz überlegt, der mir dabei helfen sollte: "Ich gebe mir die absolute Erlaubnis, mich zu sättigen – auf allen Ebenen." Ich kaufte so viel, dass es definitiv zu viel für einen Anfall war und ich gar nicht erst auf die Idee kommen konnte, alles an einem Tag zu essen, um am nächsten dann wieder gegenzusteuern. Ich wollte so viel von all' dem Zeug zu Hause haben, damit ich mir selbst beweisen konnte, dass ich mir von diesem Tag an wirklich immer erlauben würde, zu essen was auch immer ich möchte. Der Einkaufswagen war voll, die Scham an der Kasse riesengroß, eine gewisse Portion vorhandener Stolz aber auch nicht zu leugnen. Ich hatte Schritt eins geschafft, jetzt musste ich nur noch essen.


Die Sätze halfen wir übrigens sehr während dem Einkauf. Ich hatte zum ersten Mal nicht dieses furchtbare Gefühl in der Brust, während ich am Süßwarenregal stand. Ich DURFTE dieses Mal all' das kaufen – ich griff nicht GEGEN meinen Willen zu. So musste ich dann auch nicht schon im Auto anfangen, zu essen. Ich verstaute alles in einer Kiste im Keller. Ich wollte nicht, dass mein Sohn, damals drei, mitbekommt, was ich tue. Solange er in der Kita war, konnte ich tun und lassen, was ich wollte, am Nachmittag und Abend aber wollte ich heimlich essen.


Das tat ich. Kaum jemand bekam mit, dass ich mich in den ersten Wochen ausschließlich von Keksen und Schokolade ernährte. Die 3.000 Kalorien waren tatsächlich Mindestgrenze. Ich stillte meinen extremen Hunger und schaute mir YouTube-Videos an, um nicht zu verzweifeln und an der Stange zu bleiben. Einige Tage versuchte ich, die Kalorien zu zählen, um auch ja alles richtig zu machen. Das ging allerdings komplett nach hinten los, ich bekam Panik, wenn ich die Zahlen sah. Also ließ ich es bleiben mit dem Wissen, dass ich so oder so niemals unter 3.000 Kalorien aß. Es war alles andere als leicht ... und es wurde ganz schnell sehr viel einfacher! Denn ich nahm wider Erwarten nicht 10 Kilo die Woche zu. Nach ungefähr drei Wochen war ich von Kleidergröße 34/36 auf Kleidergröße 38 hoch. Das war alles. Und meine Gier nach all' den Leckereien, die ich mir so viele Jahre selten oder nur in Essanfällen "gegönnt" hatte, wurde kleiner und kleiner und kleiner. Ich kann mich erinnern, wie ich an einem Nachmittag nach dem fünften Snickers die Packung von mir schob, dachte "Uäh! Das reicht!" – und seither nie wieder eines essen musste.