Quasi-Recovery oder: Ja, ich belüge mich selbst ...

Aktualisiert: 14. Aug 2020

..., aber ich kann nicht anders! Oder?


Mein Weg aus der Essstörung waren mit Sicherheit die existenzbedrohlichsten, gemeinsten und härtesten Monate, die ich je erlebt habe. Aber ich bin ihn – irgendwann, nachdem ich wirklich alles andere erfolglos versucht hatte, gegangen. Rückblickend war gar nicht das viele Essen die größte Herausforderung. Die panische Angst vor der Zunahme und damit verbunden meine Urangst vor der Einsamkeit ("Wenn ich dick bin, bin ich hässlich und nicht liebenswert, dann werde ich verlassen und bin ganz allein ... und muss sterben!") war das, was mich jeden Tag 24 Stunden lang hat leiden lassen.


Genau diese Angst hindert viele daran, sich vollständig auf die Recovery einzulassen. Eine meiner Freundinnen, die ich versucht hatte, auf ihrem Weg zu begleiten, ist daran gescheitert und in einer Quasi-Recovery geendet. Was heißt das: Quasi-Recovery?

Nennen wir es doch einfach Pseudo-Heilung. Du versuchst, dich auf das Essen einzulassen, isst auch weit mehr als vorher und nimmst entsprechend zu – und gleichzeitig hüpft dein rechter Fuß immer und immer wieder vom Gaspedal auf die Bremse. Nämlich genau dann, wenn du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren. Das ist meist dann der Fall, wenn du bei deinem von dir erhofften "Normalgewicht" angekommen bist. Also bei dem Gewicht, das du irgendwie noch für dich akzeptieren kannst.


Schreit dein Körper dann immer noch nach Bergen von Keksen und Schokolade, also nach mehr als 3.000 Kalorien, fängst du an, dir zu sagen, dass 3.000 Kalorien ja doch reichen müssten und du wohl "eine von 1.000 bist, die eben esssüchtig ist – und sich damit anfreunden muss, dieser Gier nun einmal immer und überall den Riegel vorschieben zu müssen". Genau das sagt dir aber deine Essstörung, nicht dein gesunder Menschenverstand. Der Grund, warum du immer noch permanent ans Essen denkst und ohne Pause essen kannst (obwohl du doch schon dein "Normalgewicht" erreicht hast und schon xy Wochen in Recovery bist) ist: Du bist noch nicht angekommen, dein Körper hat noch Hunger – und zwar Extremhunger!


Indem du ihm nicht das gibst, was er braucht – in dem Fall mehr als 3.000 Kalorien täglich – bleibt er in seinem Modus stecken. Restriktion ist Restriktion, ob 800 oder 3.000 Kalorien. Die Anfälle kommen zurück. Und um dann nicht noch mehr zuzunehmen, fängst du wieder an, auszugleichen. Du bist also genau da, wo du vorher warst, mit dem Unterschied, dass du jetzt schwerer bist und dich entsprechend noch unwohler fühlst. Der Kreislauf beginnt erneut: Du fängst an, ein paar Kilo abzunehmen, um dann wieder zu merken, dass dich die Essstörung fest im Griff hat. Du beginnst die Recovery von Neuem. Und dein Körper? Fühlt sich völlig verarscht und behält – natürlich – noch mehr Fett ein, um für harte Zeiten gerüstet zu sein. Denn die kommen bestimmt, du beweist es ihm ja immer und immer wieder. Du nimmst also bei deinem nächsten Versuch, endlich gesund zu werden, noch mehr zu. Übrigens, eine Quasi-Recovery kannst du auch erleben, indem du zwar immer genau die Mengen isst, die dein Körper verlangt, du aber durch Sport oder zu viel Bewegung wichtige Kalorien verbrennst. Das Resultat ist das gleiche: Du nimmst zu wenig Energie auf.


Mein einfacher Ratschlag ist also: Iss'! Lass' los! Stelle dich der Angst, verlassen zu werden, wenn du zunimmst! Suche dir professionelle Hilfe und arbeite an dieser Angst. Lerne, dass selbst das Worst-Case-Szenario nicht lebensbedrohlich ist. Dass du nicht verlassen wirst, wenn du du selbst wirst. Dass dich die Menschen deiner selbst willen lieben. Dass dir diejenigen egal sein können, die nur dein Äußeres interessiert. Und vor allem: Dass du dir selbst genügen darfst. Du bist nicht anormal! Deine Psyche ist völlig in Ordnung. Das einzige Problem ist, dass deine Unterernährung Prozesse in Gang gesetzt hat, die dich glauben lassen, dass deine Störung psychischer Natur ist. Aber das stimmt nicht. Das Minnesota Starvation Experiment ist der Beweis (Beitrag vom 22. Mai 2019: Diäten führen zu Essstörungen – und bringen nichts). Du musst essen, um gesund zu werden.


Wichtig ist, dass du dich währenddessen um dich kümmerst. Dass du das tust, was dir gut tut. Ich zum Beispiel bin jeden Abend frühstmöglich mit einer Wärmflasche ins Bett gegangen, um einen schönen Film anzuschauen oder ein gutes Buch zu lesen. Außerdem hatte ich die Badewanne für mich entdeckt und bin sogar ab und zu – schwerer werdend – in die Sauna gegangen. Alles in allem hatte ich mich für eine ganze Weile weitestgehend aus dem sozialen Alltag zurückgezogen ... weil es mich zu mir selbst geführt hat. Ich habe die äußere Ruhe gebraucht, um eine innere Ruhe entstehen lassen zu können. Um endlich aus dem Gedankenkarussell aussteigen zu können.


Am Ende war die Zunahme gar nicht so schlimm. Aber das war letztlich auch nicht mehr wichtig, denn: Ich musste mich ja vorab damit anfreunden, "dick" zu werden. Ich musste loslassen. Entsprechend nebensächlich war dann die Kleidergröße. Natürlich gebe ich zu, dass ich sehr erleichtert war, als der Extremhunger langsam weniger wurde und ich immer öfter Tage erlebte, an denen ich keine großen Mengen verschlingen musste. Oder als ich langsam wieder Appetit auf Gesundes bekam. Das hat allerdings ein dreiviertel Jahr gedauert!


Heute weiß ich: Nur, weil ich die Recovery von Beginn an mit vollem Herzblut gemacht habe, bin ich heute gesund. Ich liebe mein Leben. Ich liebe sogar meine Hochs und Tiefs – denn sie haben nichts mehr mit dem Essen oder meinem Körpergefühl zu tun. Wie einfach es ist, zu essen! Wie einfach es ist, zu genießen! Wie einfach es ist, gesund zu sein! Ich wünsche mir, dass du es auch schaffst. Spring' in dieses schwarze Loch. Du landest auf einer Blumenwiese. Auf deiner Blumenwiese. Und alle schwarzen Wolken und Gewitter, die regelmäßig auftauchen, steckst du weg und lernst sogar, sie zu genießen. Weil anschließend immer die Sonne scheint – und sie zum Kreislauf deines Lebens dazugehören.