Extremhunger und die Angst vor einer Binge-Eating-Essstörung.

Die meisten Frauen, die sich nach jahrelanger Kasteiung entscheiden, loszulassen und die Recovery zu beginnen, haben unendliche Angst davor, durch das viele Essen fett zu werden. Dahinter steckt die Angst, in eine Binge-Eating-Essstörung zu fallen: immer und immer weiter essen zu müssen und die "Essanfälle" nicht mehr in den Griff zu bekommen. Zu allererst: Diese Angst ist völlig berechtigt und natürlich hatte ich sie auch.


Steffi beschäftigt sich mit dieser Angst. Sie hat bereits losgelassen und die Hoffnung, das Richtige zu tun, überwiegt dem Nicht-Essen beziehungsweise wieder ins restriktive Essen verfallen. Hier ein Auszug ihrer Mail an mich:


"Worüber du glaube ich noch nichts geschrieben hast, ist die Angst davor, ins Binge Eating zu rutschen … ist das die Stimme der Essstörung? Oder ist das eine realistische Angst?


Ich halte nichts von Mahlzeitenplänen und davon, Fear Foods nach und nach zu integrieren. Ich sehe, wie das andere tun und dadurch rumdümpeln und doch nicht loslassen. Wenn man sich entscheidet, loszulassen und damit auch eine Gewichtszunahme hinzunehmen, gibt es keinen Grund mehr, Angst vor irgendwas zu haben. Warum sollte dann Schokolade beängstigender sein als Butter oder was weiß ich was … dann kann man einfach alles essen! Ich finde es tatsächlich am schwersten, den mentalen Hunger einzuschätzen. Ich persönlich denke noch oft ans Essen auch teilweise ohne konkret Lust auf etwas zu haben. Wenn ich Lust habe zu essen und so viel essen will bis mein Körper sagt, das reicht, dann überesse ich mich oft. Aber ich vermute, das ist normal und es gibt sich mit der Zeit, zumindest hoffe ich das! Ich habe an Tagen an, denen ich ruhe, seltsamerweise viel öfter Lust, zu essen (Essen aus Langeweile?) als an Tagen, an denen ich aktiv bin. Und da bin ich mir dann nicht sicher, ob es wirklich so ist, dass es irgendwann tatsächlich reicht! Oder ob man sich an das Überessen gewöhnt. Das Gehirn liebt Gewohnheiten und belohnt mit Dopamin. Kreiert man nicht Pfade im Hirn, die einen dann immer wieder dazu bringen, zu bingen? Wenn es denn wahr ist, führen ja die „bösen“ Lebensmittel an sich ja auch zu einer Dopaminausschüttung …


Aber ich habe Hoffnung! Hoffnung, dass durch die bedingungslose Erlaubnis zu essen und das Stillen des Extremhungers die Obsession mit dem Essen gelöst wird, das Fass gefüllt wird und irgendwann einfach alles normal ist …"


Ich habe euch diese Mail in Auszügen mit in diesen Beitrag mit eingefügt, weil Steffis Worte sehr gut ausdrücken, wie es jeder und jedem während der Recovery geht. Letzlich gibt sie sich ihre Antwort selbst: Wenn ich entscheide, loszulassen, dann gibt es keine Angst mehr vor Lebensmitteln. Und wenn diese Angst erst einmal weg ist, dann esse ich, wenn ich Hunger habe und gebe meinem Körper genau das, was er braucht. Das ist der Punkt: Es kommt auf das Mindset an! Es kommt darauf an, sich die bedingungslose Erlaubnis zum Essen zu geben. Tue ich das nicht, bleibe ich in meinem restriktiven Denken und folgeschwer dann auch in meinem restriktiven Essverhalten hängen. Ich gebe meinem Körper nur sporadisch das, was er braucht, kehre aber immer wieder dahin zurück, dass ich meinen Hunger nicht auslebe. Ist das so, hat der Körper keine Chance, loszulassen und mir zu vertrauen. Ergo: Er bunkert für die nächste "Hungersnot" – auch wenn diese sich nicht wie eine anfühlt.


Steffi schreibt auch, dass sie an manchen Tage mehr mentalen Hunger registriert als an anderen. An Tagen, an denen sie beschäftigt ist und Dinge tut, sie sie gerne tut, hat sie weniger Hunger als an Tagen, an denen sie rumdümpelt. Das ist völlig normal. Denn in die Sättigung spielt weit mehr mit ein, als der reine körperliche Hunger. Hierzu habe ich bereits einen Beitrag geschrieben: Eine Geschichte über Sättigung und die Frage: Werde ich satt mit 2.000 Kalorien? Denn wenn die Seele erfüllt ist, kann es sein, dass der Hunger kleiner wird. Lest euch bitte diesen Beitrag durch, dort erfahrt ihr, was "echte Sättigung" ausmacht und dass sie aus mehreren Komponenten besteht.


Wichtig ist also, dass ihr euer Mindset verändert. Dass ihr akzeptiert, dass euer Körper Hunger hat. Dass er weit mehr möchte, als ihr oder euer Ego beziehungsweise eure Essstörung das vielleicht nachvollziehen könnt. Dem Körper geht es dabei weniger um das Dopamin, nach dem man süchtig werden kann. Es geht ihm um die Energie, die er braucht, um gesund zu werden. Der Drang, nur Hochkalorisches bestehend aus Fett und Zucker essen zu wollen, geht mit der Zeit. Er geht, weil ihr euch die bedingungslose Erlaubnis gebt, zu essen. Weil ihr loslasst und vertraut. Euer Körper wird verstehen, dass ihr fortan immer für Nachschub sorgen werdet. Eure Seele wird gefüllt mit alldem, was ihr euch jahrelang verwehrt habt. Dazu gehört, dass ihr euch alles von Herzen gönnt, was ihr über all' die Zeit nicht gegessen habt. Ja, auch die Seele braucht Süßes, Weiches, Warmes, Knuspriges, ...


Ich habe erlebt, dass die Gelüste von ganz alleine gehen, dass der Appetit mit der Zeit nachlässt. Dass ich nur noch essen muss, wenn ich Hunger habe. Dass Essen nichts mit meinen Emotionen zu tun hat. All' das ohne Hirnaktivitäten und dem Aufbringen von Willenskraft. Aber: Es braucht seine Zeit und vor allem braucht es ein unendliches Vertrauen in diesen Weg.


Um mehr zu diesem Thema zu erfahren, schaut euch bitte das Video an. Es ist alles kein Hexenwerk. Lasst das Gedankenkarussel in eurem Kopf ohne euch kreisen. Steigt in euren Heißluftballon und schaut es euch von der Luft aus an. Ja, es ist schön und bunt – aber wenn wir zu lange darin sitzen bleiben, müssen wir uns irgendwann übergeben. Hört also auf, wirklich jeden Pups zu überdenken. Ihr denkt ans Essen? Esst. Und heißt euren Hunger willkommen. Er wird euch heilen. Mehr ist es nicht.