Was und wie viel essen während und nach der Recovery?

Aktualisiert: Juni 30

Die Recovery zu starten (und ich meine WIRKLICH zu starten, ohne jegliche Restriktion und völlig unsymptomatisch) ist eine enorme physische und psychische Belastung. Da du noch niemals vorher einen solchen Schritt gegangen bist und ebendieser auch nicht von Therapeuten angepriesen wird, ist es völlig normal, dass du dich alleine fühlst und Panik davor hast, etwas "falsch" zu machen.


Hier eine Mail von einer Leidensgenossin, die genau das bestätigt:


Liebe Ina,


Ich hoffe es geht dir gut. Bitte stresse dich nicht, mir antworten zu müssen, du musst diese Mail nicht einmal lesen, es tut mir nur einfach so gut, jemandem, der mich versteht, offen meine Gedanken mitzuteilen! Wie du vielleicht weißt, bin ich nun in meiner 3. Woche Recovery und ich habe es tatsächlich seit Montag, als ich dir das letzte mal geschrieben habe, wieder geschafft, loszulassen. Und zwar diesmal komplett.


Ich nehme seit Beginn meiner Recovery ein Videotagebuch auf, und ich muss mir selbst eingestehen, dass ich in den ersten zwei Wochen zwar viel gegessen habe, aber wenn ich die Videos jetzt ansehe, merke ich, dass mich hier immer noch ein miminaler Teil meiner Essstörung zurückgehalten hat.


Das hat sich seit Montag geändert und seitdem befinde ich mich in einem durchgehenden Essanfall. Wir haben jetzt gerade einmal 15 Uhr und ich liege (grob überschlagen) schon bei sicherlich 4.000 Kalorien. Es ist so wahnsinnig anstrengend, vorhin hatte ich einen totalen emotionalen Tiefpunkt, ich habe nur noch geweint, geweint, geweint. Es fühlt sich so schlimm an, den ganzen Tag nur Nutella, Brot, Butter oder Gummibärchen zu essen. Und es geht immer so weiter ...


Jetzt spüre ich, dass das jetzt eigentlich erst der richtige Startschuss für meine Recovery ist und die ersten zwei Wochen nur ein kleiner Vorgeschmack waren. Wobei ich hoffe, dass diese nicht völlig umsonst waren, sondern auch in meinen Genesungsprozess mit reinspielen ...


Nun liege ich im Bett und bin einfach fix und fertig. So viele Gedanken im Kopf "Wann hört es auf? Merke ich es wirklich, wenn mein Körper genug hat? Vielleicht rutsche ich doch ins Binge-Eating?" und so weiter und so fort. Ich glaube, die Recovery ist – jetzt wo ich sie wirklich zu 100 % zulasse – das anstrengendste, was ich je gemacht habe. Da waren meine drei Klinikaufenthalte ein Kinderspiel dagegen. Ich versuche mir so sehr einzureden "ICH KANN MEINEM KÖRPER VERTRAUEN" und zeitgleich fühlt es sich soooo falsch an, diese Unmengen an Süßigkeiten zu essen! Ich bin nonstop am googeln, um nachzulesen wie viel andere Frauen in dieser Phase gegessen haben, aber das macht mich nur noch verrückter.


Ich hoffe so sehr das es sich auszahlt!


Daraufhin hatte ich ihr gratuliert. Ich hatte ihr geschrieben, dass genau das die richtige Recovery ist. Dass genau dieses Gefühl das ist, von dem ich geschrieben habe: sterben zu müssen. Genau so wie ihr ging es mir auch. Und der ganz Spuk war nach wenigen Wochen passé. Ich hatte ihr noch den Tipp gegeben, sich bei jedem Bissen zu freuen, zu lächeln und zu denken: „Yesss, du liebes Zuckerstück, ich darf dich jetzt essen. Immer und überall. Yesss, yesss, yesss!!! Jackpot. Endlich hat das Leid und die Restriktion ein Ende!!!"

Was diese junge Frau daraufhin interessierte, war, wie genau sich der Switch von "Mehr Zucker" zu "Ich esse jetzt auch wieder Obst und Gemüse" angekündigt hatte. Wie ich gespürt hatte, was ich brauche, wie lange diese Phasen gedauert haben und was ich dafür getan hatte, um wieder in ein völlig normales Essverhalten übergehen zu können. Hierzu habe ich ein Video gemacht. Schau' es dir an. Ich hoffe, es wird dir helfen.


Solltest du Fragen oder Anregungen haben, dann nutze furchtbar gerne die Kommentarfunktion. Ich glaube nämlich ganz fest daran, dass ihr euch gegenseitig unterstützt, wenn ihr euch zeigt. Und wenn ihr so auch von anderen lesen und sehen könnt, dass ihr nicht alleine seid und dass es da draußen Menschen gibt, denen es ganz genau so geht wie euch. (Aus diesem Grund habe ich euch auch die Mail mit in diesen Beitrag gepackt. Diese Worte hätte ich vor dreieinhalb Jahren schreiben können ... und ich bin mir sicher, dass sie in so vielen anderen Köpfen herumspuken.)


Lass' uns gemeinsam gesund werden – und sein.


Alles Liebe, deine Ina